Von der Ausbeutung zum Kinder- und Jugendschutz

Kinderarbeit

In der Textilproduktion werden Kinder als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Das Bild zeigt Kinder bei der Arbeit in einer Spinnerei, 1907.
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Kinderarbeit vom 16. bis 18. Jahrhundert

Die Not zwingt zur Arbeit

Kinderarbeit ist vom späten Mittelalter bis zu den Anfängen der Neuzeit nicht nur üblich, sondern wird sogar von den Behörden unterstützt. Die Kinder sollen nicht verwahrlosen, lautet der Auftrag. Die meisten Familien haben auch gar keine andere Wahl, als ihre Kinder zur Arbeit zu schicken: Die Armut zwingt sie dazu. Das betrifft die Mehrheit der Bevölkerung.

Die Familien müssen für sich selbst sorgen, egal in welcher Lebenslage sie sich befinden. Krankheiten, schlechte hygienische Verhältnisse, Hungersnot und Seuchen fordern viele Todesopfer. Die Lebenserwartung liegt bei durchschnittlich 35 Jahren. Ein Kind gilt ab dem siebten Lebensjahr als ausreichend entwickelt, um arbeiten zu gehen.

Zwölfstundentag für ’n Appel und ’n Ei

In der Landwirtschaft oder im Hausgewerbe werden Kinder bereits mit sechs Jahren eingesetzt. Wenn sie innerhalb des Familienverbundes mit anpacken müssen, sind sie meist vor Überanstrengung geschützt. In fremden Häusern und auf fremden Ländereien sind die Bedingungen hingegen schonungsloser. Hier hat ein Arbeitstag bis zu zwölf Stunden.

Die Arbeit auf dem Land ist zwar nicht weniger hart, aber abwechslungsreicher als die Heimarbeit. In der Landwirtschaft bestimmen die Tageszeiten und Jahreszeiten den Arbeitstakt. Tiere werden gehütet und gefüttert, es werden Kartoffeln geerntet oder andere Hofarbeiten erledigt. Im Hausgewerbe hingegen ist die Arbeit ziemlich eintönig: Den ganzen Tag wird im selben Raum gestrickt, gewebt, genäht oder Wolle gesponnen.

Zwangsarbeit für Waisen

Besonders hart trifft es Waisen, die in Arbeitsanstalten und Waisenhäusern untergebracht sind. Sie werden den ganzen Tag zur Arbeit gezwungen und müssen Handarbeiten verrichten. Der Arbeitstag beginnt meist um vier Uhr morgens und dauert bis neun Uhr abends. Zwischendurch gibt es eine Stunde religiösen Unterricht, in dem vor allem Gebete gelernt werden. Zum Anziehen, Waschen und für die Mahlzeiten werden nur kurze Pausen gewährt. Die Räume, in denen die Kinder arbeiten, sind eng und in unhygienischem Zustand. Oft wird in ein und demselben Raum gegessen und gearbeitet. Meistens müssen sich mehrere Kinder ein Bett teilen.

Von der Arbeitskraft der Kinder profitiert ausschließlich die Anstaltsleitung. Das heißt, die Erlöse für die Handarbeiten gehen in die Kasse der Anstalt, nicht selten in die persönliche Kasse der Verantwortlichen. Die Kinder selbst haben und bekommen nichts.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Beginn der Industrialisierung, verlagert sich die Kinderarbeit in die Manufakturen und Fabriken.

Kinderarbeit im frühen 19. Jahrhundert

„Arbeiten statt Müßiggang“

Fabrikbesitzer und Unternehmer halten Kinderarbeit für nützlich, bildend und förderungswürdig. Nach ihrer Meinung, und die ist maßgebend, ist „Müßiggang“ schädlich für die Entwicklung der Kinder, deshalb sollen sie früh an das Arbeiten gewöhnt werden. Die Altersgrenze der beschäftigten Kinder wird auf vier Jahre gesenkt.

Die staatlichen Stellen sind sich einig, dass die Kinderarbeit ein notwendiges Übel ist, da viele Familien nicht existieren können, wenn ihre Kinder nicht arbeiten. Nach wie vor sind also viele Familien darauf angewiesen, ihre Kinder arbeiten zu lassen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Die Behörden unterstützen diese Haltung immer mehr: Den Besuch der Sommerschule, wie sie zu der Zeit üblich ist, stellen sie frei. Das hat schließlich zur Folge, dass regelmäßiger Unterricht – wenn überhaupt – nur im Winter stattfindet.

Kinderarbeit in der Landwirtschaft und im Hausgewerbe

Auch im 19. Jahrhundert arbeiten viele Kinder weiterhin in der Landwirtschaft. Ab dem sechsten Lebensjahr hüten sie Tiere, ab dem achten Lebensjahr helfen sie beim Pflügen, Dreschen und bei der Tierfütterung. Mit zwölf Jahren werden sie auch für schwere Feldarbeiten eingesetzt.

Ein zweiter großer Bereich, in dem Kinder arbeiten, ist das Hausgewerbe. Dort sind die Arbeitstage besonders lang. Um das Jahr 1820 arbeitet jeder zwölfte Einwohner Preußens, das sind über eine Million Menschen, im Hausgewerbe. Ein Spinnmädchen beispielsweise arbeitet in der Woche etwa 119 Stunden, das sind bei sieben Arbeitstagen 17 Stunden pro Tag.

Kinderarbeit in der Fabrikindustrie

In der Fabrikindustrie ist im 19. Jahrhundert die Textilproduktion ein Schwerpunkt der Kinderarbeit. Die Erfindung des mechanischen Spinnrades und des mechanischen Webstuhls lässt den Bedarf an billigen Arbeitskräften, die an den Maschinen arbeiten, sehr stark anwachsen. Die Betriebe werden größer, und mit ihnen steigt auch die Zahl der Fabrikkinder. Ihr Arbeitstag dauert acht bis sechzehn Stunden bei einem Lohn von zwei Groschen, das sind 20 Pfennig.

Kinder sind für die Fabrikanten billige Arbeitskräfte und erhöhen die Rentabilität der Unternehmen. Außerdem gelten die kleinen Kinderhände für die Arbeit an Textilmaschinen als besonders gut geeignet. Die Nachfrage ist so groß, dass regelrechte Kindermärkte – ähnlich den Viehmärkten – entstehen, auf denen Kinder als Arbeitskräfte angeboten werden.

Kleine „Krüppel“

Die gesundheitlichen Folgen der Kinderarbeit sind katastrophal. Die Kinder können sich körperlich und geistig nicht normal entwickeln. Ihre Körperhaltung ist bei der Arbeit über Jahre hinweg einseitig. Sie arbeiten bei Lärm und in Dreck, bewegen sich nicht an der frischen Luft und ernähren sich ungenügend. Unfälle an den Maschinen sind an der Tagesordnung.

Die Folgen sind körperliche Schwäche, Wachstumsstörungen, Zahnerkrankungen, Kurzsichtigkeit, Schwerhörigkeit, Tuberkulose, Unterernährung und ansteckende Krankheiten. Letztlich führen die eintönigen Arbeiten und der lange Arbeitstag auch zur psychischen Verkümmerung. In einem Bericht des Regierungsbezirks Düsseldorf vom 18. Juli 1825 heißt es:

Bleiche Gesichter, matte und entzündete Augen, geschwollene Leiber, aufgedunsene Backen, geschwollene Lippen und Nasenflügel, Drüsenanschwellungen am Halse, böse Hautausschläge und asthmatische Anfälle unterscheiden sie in gesundheitlicher Beziehung von anderen Kindern derselben Volksklasse, welche nicht in den Fabriken arbeiten. Nicht weniger verwahrlost ist ihre sittliche und geistige Bildung.

Ein Fabrikinspektor kontrolliert, ob das Kinderschutzgesetz eingehalten wird und die Kinder regelmäßig den Schulunterricht besuchen, Lithographie von Wilhelm Camphausen, um 1855.
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Die Schulsituation zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Kaum Schulen, kaum Lehrer, kaum Zeit

Seit dem Jahr 1794 besteht nach dem preußischen allgemeinen Landrecht eine allgemeine Schulpflicht ab dem fünften Lebensjahr. Allerdings mangelt es bis Mitte des 19. Jahrhunderts massiv an Schulen und Lehrern. Nur wenige der arbeitenden Kinder besuchen überhaupt eine Schule.

Die Unterrichtszeiten der wenigen Schulen sind auf die Produktionsabläufe in den Fabriken abgestimmt. Diese Fabrikschulen siedeln sich deshalb in der Nähe der Fabriken an und beschränken den Unterricht, in Abhängigkeit von den Fabrikanten, auf sieben Stunden in der Woche.

Bildungsniveau extrem niedrig

Grund für das niedrige Bildungsniveau der Kinder ist neben dem Minimalunterricht vor allem, dass sie keine Zeit haben, zur Schule zu gehen. Die Arbeit ist wichtiger, da es um das Überleben der Familie geht. Überleben steht vor Bildung. Zudem kostet die Schule Geld, und das fehlt den Fabrikarbeitern.

Bildungsniveau von erwerbstätigen Kindern

Von 715 in einer Fabrik arbeitenden Kindern können nur

  • 455 lesen,
  • 351 schreiben,
  • 234 rechnen,
  • und lediglich 39 haben Religionskenntnisse.
     

Erster staatlicher Kinderschutz

Regulativ zur Beschäftigung von Kindern

Im Jahr 1839 tritt in Preußen das erste Kinderschutzgesetz in Kraft: das Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken. Ein Mindestalter wird festgesetzt: Kinder dürfen erst ab Vollendung des neunten Lebensjahres arbeiten – und das nicht länger als zehn Stunden zwischen fünf Uhr morgens und neun Uhr abends. Darüber hinaus wird Sonntagsarbeit verboten.

Die Fabriken können diese Regelungen jedoch leicht umgehen, da sie nicht kontrolliert werden. Das heißt, es ändert sich kaum etwas an der Situation der Kinder. Dennoch gelingt damit ein entscheidender sozialpolitischer Durchbruch. Es ist der erste staatliche Eingriff in die unternehmerische Tätigkeit zum Schutz der Arbeiter und damit der erste Rechtsetzungsakt im Arbeitsschutz.

Ausbesserungen im Regulativ

Eine Neufassung des Gesetzes tritt im Jahr 1853 in Kraft. Die Altersgrenzen werden weiter heraufgesetzt: Ab dem 1. Juli 1853 dürfen Kinder erst ab dem vollendeten zehnten, ab dem 1. Juli 1854 ab dem elften und ab 1. Juli 1885 ab dem zwölften Lebensjahr arbeiten. Die tägliche Arbeitszeit für jugendliche Arbeiter unter 14 Jahren wird auf sechs Stunden begrenzt. Zudem müssen sie täglich drei Stunden den Schulunterricht besuchen.

Mit der Neufassung werden erste Fabrikinspektionen eingeführt. Überall dort, wo sich ein „Bedürfnis“ zeigt, sollen die Inspektoren zur Kontrolle bestellt werden können. Ob ein Bedürfnis vorliegt, entscheiden die Bezirksregierungen. Allerdings werden die Fabrikinspektoren äußerst selten angefragt. Erst ab dem Jahr 1878 wird die Fabrikinspektion obligatorisch.

Kinderarbeit wird verboten

Im Jahr 1891 verbietet das Arbeitsschutzgesetz mit Hilfe einer Novelle zur Reichsgewerbeordnung vom 1. Juni 1891 die Beschäftigung von Kindern unter 13 Jahren in Fabriken vollständig. Die Arbeitszeit für Kinder von 13 bis 14 Jahren wird auf sechs Stunden und für Jugendliche von 14 bis 16 Jahren auf zehn Stunden täglich begrenzt. Außerdem ist die Nachtarbeit für Kinder und Jugendliche untersagt.

Für die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben wird am 3. März 1903 die Beschäftigung fremder Kinder unter zwölf Jahren in Werkstätten, im Handel, im Verkehrsgewerbe und in Forstwirtschaften verboten. Kinder, die älter sind als zwölf Jahre, dürfen nicht mehr als drei Stunden arbeiten. Erstmals werden auch Kinder, die von ihren Eltern beschäftigt werden, unter den Schutz des Gesetzes gestellt.

Gesetze und Verbote im 20. Jahrhundert

Schutzgesetze für Jugendliche

Im Jahr 1938 tritt an die Stelle des Kinderschutzgesetzes von 1903 das Jugendschutzgesetz, das alle Vorschriften über die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen zusammenfasst.

Noch vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 löst das Land Niedersachsen im Jahr 1948 das Jugendschutzgesetz von 1938 durch ein eigenes Arbeitsschutzgesetz für Jugendliche ab. Das Gesetz gilt auch für die Hauswirtschaft, die Landwirtschaft, die Fischerei und die Schifffahrt. Außerdem wird die ärztliche Betreuung jugendlicher Arbeitnehmer Pflicht. Zudem werden beratende Ausschüsse für Jugendarbeitsschutz bei den Gewerbeaufsichtsämtern eingeführt.

Nach dem Vorbild des niedersächsischen Jugendarbeitsschutzgesetzes wird im Jahr 1960 das neue Jugendarbeitsschutzgesetz des Bundes gültig. Die Arbeitszeit der Jugendlichen unter 16 Jahren wird weiter herabgesetzt, der Urlaub für Jugendliche auf 24 Werktage ausgedehnt, die Beschäftigung von Jugendlichen mit Arbeiten, die ihre körperlichen Kräfte überschreiten, untersagt sowie die Akkordarbeit und Fließbandarbeit grundsätzlich verboten. Die Pflicht zur ärztlichen Untersuchung der Jugendlichen vor Beginn der Beschäftigung und im ersten Beschäftigungsjahr wird eingeführt.

Gesellschaftliche Veränderungen fordern Neuregelungen

Die veränderten sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse führen zu einer Neuregelung des Jugendarbeitsschutzes, die im Jahr 1976 in Kraft tritt.

Ab jetzt ist die wöchentliche Höchstarbeitszeit bei einer geltenden Fünftagewoche grundsätzlich auf 40 Stunden begrenzt. Die Urlaubsdauer wird heraufgesetzt und je nach Alter von 25 bis zu 30 Werktagen im Jahr gestaffelt. Zusätzliche Beschäftigungsverbote und freiwillige jährliche Nachuntersuchungen verbessern den Gesundheitsschutz und die gesundheitliche Betreuung.

Jugendarbeitsschutz in der Europäischen Union

Im Jahr 1997 wird das Jugendarbeitsschutzgesetz an die Richtlinie der Europäischen Union über den Jugendarbeitsschutz aus dem 1994 angepasst. Damit gilt ein grundsätzliches Beschäftigungsverbot von Kindern unter 15 Jahren. Dies betrifft auch die Anstellung von Jugendlichen, die nach den Schulgesetzen der Länder noch schulpflichtig sind. Wer älter als 15 Jahre ist, aber noch der Vollzeitschulpflicht unterliegt, darf während der Schulferien für höchstens vier Wochen im Jahr beschäftigt werden.

Klassische Schülerjobs erlaubt

Am 1. Juli 1998 tritt eine besondere Kinderschutzverordnung in Kraft. Sie regelt die Beschäftigung von Kindern, die älter als 13 Jahre sind, und vollzeitschulpflichtigen Jugendlichen mit den üblichen gesellschaftlich anerkannten Tätigkeiten. Dazu gehören beispielsweise das Austragen von Zeitungen oder Handreichungen beim Sport. In der gewerblichen Wirtschaft, in der Produktion und im Handel darf diese Altersgruppe nicht mehr beschäftigt werden.

 

Die Texte und Bilder entstammen dem Arbeitsheft Sozialgeschichte Band I: Vom späten Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg
Stand März 2014

9 Antworten

Kommentare

gut so die sollen ihr geld selbst verdienen :DD

Armer Kerl. Gehörst wohl zu den wenigen, die selbst nie Kind waren ...

Wieso schreib ihr hier hab ihr keine hobbys

Hobbys??? Da hab ich gar keine Zeit für, ich bin 10 Jahre alt und muss gleich zur Arbeit auf der Baumwollplantage

hallo

So viel Intelligenz hier, unglaublich..

Ich glaub arm dran sind hier alle, die das von der Schule aus abarbeiten müssen :D #feelyou haha

voll uninformativ das reicht vielleich für erste klasse amk

Dieser Moment, wenn das eine Schulaufgabe ist #FeelsBadMan

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