Die Weimarer Republik

1918 bis 1933

Von 1918 bis 1933 ist das Deutsche Reich erstmals ein demokratischer Bundesstaat. Das Bild zeigt die verfassunggebenden Nationalversammlung in Weimar 1919.
Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Verlorener Weltkrieg – gewonnene Demokratie

Die Revolution von 1918

Das Volk ist kriegsmüde und verbittert. In den letzten Kriegsmonaten sind die Lebensmittel knapp und die sozialen Missstände groß. Die Menschen wollen nur noch eines: Frieden.

Ende Oktober 1918 verweigern die Matrosen massiv den letzten Kriegseinsatz der deutschen Hochseeflotte. Es kommt zu örtlichen Revolten, also Unruhen, die sich innerhalb von wenigen Tagen über ganz Deutschland ausbreiten. In größeren Städten bilden sich Arbeiterräte und Soldatenräte und übernehmen die politische Macht. Die Revolutionäre fordern die Abdankung des Kaisers und eine umfassende Neuordnung der politischen Verhältnisse.

Am 9. November 1918 erreicht die Revolution ihren Höhepunkt. Arbeiter in größeren Betrieben treten in den Generalstreik. Reichskanzler Max von Baden verkündet die Abdankung des Kaisers und überträgt sein eigenes Amt an Friedrich Ebert, den Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, kurz SPD, die auch die stärkste Fraktion im Reichstag bildet. Der Politiker Philipp Scheidemann von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ruft vom Balkon des Reichstags die Republik aus.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands bilden gemeinsam und gleichberechtigt den Rat der Volksbeauftragten, der die Regierungsgeschäfte vorübergehend führt. Im Dezember 1918 entscheidet sich eine zentrale Versammlung von Arbeiterräten und Soldatenräten für die Wahlen zu einer Nationalversammlung. Sie soll eine neue Verfassung verabschieden, welche die staatliche Ordnung regelt.

Revolutionäre Sozialpolitik

Der Rat der Volksbeauftragten sorgt umgehend für sozialpolitische Neuerungen: Der Achtstundentag als Regelarbeitszeit wird eingeführt, damit ist die alte Forderung der Arbeiterbewegung erfüllt. Das Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst, das Arbeiter zur Arbeit verpflichtet und einen Arbeitsplatzwechsel verbietet, wird abgeschafft. Einige Neuerungen der Kriegsjahre bleiben wiederum in Kraft: die Verbindlichkeit von Tarifverträgen, staatliche Schlichtung bei Lohnstreitigkeiten und die Möglichkeit zur Bildung von betrieblichen Arbeiterausschüssen, die späteren Betriebsräte.

An erster Stelle der sozialpolitischen Aufgaben nach Kriegsende steht jedoch die Eingliederung der sechs Millionen Kriegsteilnehmer in das zivile Wirtschaftsleben. Entlassene Soldaten erhalten eine neu eingeführte Erwerbslosenfürsorge. Eine Arbeitsvermittlung soll helfen, den Arbeitsmarkt zu ordnen. Arbeitgeber werden verpflichtet, ihre früheren Mitarbeiter wieder einzustellen und Schwerbeschädigte bevorzugt zu beschäftigen. Arbeitslosigkeit bleibt dennoch ein großes Problem.

Der Weimarer Sozialstaat

Weimarer Reichsverfassung

Am 19. Januar 1919 wird zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine verfassunggebende Nationalversammlung in freier, gleicher, geheimer und direkter Wahl gewählt. Alle Deutschen, die das 20. Lebensjahr vollendet haben, sind wahlberechtigt, zum ersten Mal auch Frauen. Die Wahlbeteiligung liegt insgesamt bei 83 Prozent. Sieger der Wahl sind die Sozialdemokraten. Wegen Unruhen und der politisch unsicheren Lage in Berlin tagt die gewählte Nationalversammlung in Weimar. Am 11. August 1919 wird die Verfassung der Weimarer Republik verabschiedet. Das Deutsche Reich ist von nun an eine parlamentarisch-demokratische Republik.

Soziale Grundrechte

Die Verfassung ist ein Kompromiss zwischen den sozialistischen und bürgerlichen Parteien. Der parlamentarischen Demokratie steht als Gegengewicht der vom Volk gewählte Reichspräsident gegenüber, der zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung Notverordnungen erlassen kann. Zum ersten Mal werden neben den klassischen Menschenrechten und Freiheitsrechten soziale Grundrechte und Grundpflichten in den Verfassungsrang erhoben. Die Arbeitskraft eines jeden steht unter besonderem Schutz, andererseits muss jeder Deutsche seine Kräfte so einsetzen, wie es das Wohl der Gesamtheit erfordert. Artikel 161 der Weimarer Verfassung verspricht einen umfassenden Versicherungsschutz zur Erhaltung von Gesundheit und Arbeitskraft und gegen die Wechselfälle des Lebens.

In der Weimarer Reichsverfassung werden den Menschen erstmals auch soziale Grundrechte und -pflichten zu gesprochen. Das Bild zeigt das Titelblatt der Weimarer Reichsverfassung, 1919.
Quelle: AKG-Images

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Kriegsfolgen und Inflation

Nach dem Ersten Weltkrieg fällt Deutschlands Industrieproduktion zunächst auf den Stand von 1888 zurück. Mit der Finanzierung des Kriegs durch Anleihen und den Reparationszahlungen (Kriegsentschädigungen) an die Siegermächte sowie sozialen Leistungen für Kriegsopfer und Hinterbliebene wächst der Schuldenberg des Staates, und der Geldwert sinkt (Inflation). Die Versorgungslage der Bevölkerung verschlechtert sich massiv: Preise für Waren und Dienstleistungen steigen, Löhne sinken. Kleine Unternehmer und Gewerbetreibende gehen bankrott. Vermögenswerte und Ersparnisse schmelzen dahin, Immobilien verlieren an Wert. Ein Großteil der Bevölkerung verarmt.

Die Krise verschärft sich im Januar 1923 mit der Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich und Belgien, als Deutschland in Rückstand mit den Reparationszahlungen gerät. Die Reichsregierung ruft den passiven Widerstand aus, Kumpel und Stahlarbeiter legen die Arbeit nieder. Die Inflation erreicht ihren Höhepunkt. Im November 1923 meldet die New Yorker Börse, dass für einen Dollar eine Billion Mark zu zahlen sind. Der Endstand lautet wenig später 4,2 Billionen Mark. Um die Hyperinflation zu stoppen, wird 1924 eine neue Währung, die Rentenmark, eingeführt.

Nach dem Ersten Weltkrieg ist der Staat hoch verschuldet, und die Mark verliert massiv an Kaufkraft. Die Inflation erreicht im November 1923 ihren Höhepunkt. Das Bild zeigt Kinder, die Bündel von wertlos gewordenen Geldscheinen zu einer Pyramide aufstapeln, 1923.
Quelle: AKG-Images

Die goldenen Zwanziger

Mit der Währungsreform, ausländischen Krediten und dem Dawes-Plan kommt die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung. Der Dawes-Plan war ein Finanzierungsplan des amerikanischen Bankiers Charles Dawes, der die Reparationen ausschließlich von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Deutschen Reichs abhängig machen sollte. Produktion, Konsum und Volkseinkommen nehmen zwischen 1924 und 1928 zu. Alte und neue Industriezweige wie Automobilbau und Flugzeugbau, Messingherstellung, Aluminiumherstellung und Kunstseideherstellung, Film und Rundfunk, Kunst und Kultur boomen. Vom Wirtschaftsaufschwung profitieren alle. Die Produktion steigt, die Löhne werden erhöht.

Die Weltwirtschaftskrise

Am Freitag, dem 25. Oktober 1929, fallen die Aktienkurse an der New Yorker Börse dramatisch. Zu hohe Investitionen in der Industrie und ein daraus hervorgehendes Überangebot an Waren mit sinkender Nachfrage sind die Hauptursachen. Die amerikanische Krise weitet sich zur größten Krise der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert aus. Das Deutsche Reich ist besonders betroffen: Firmenzusammenbrüche, Zwangsversteigerungen, Bankenschließungen und Massenarbeitslosigkeit sind die Folgen. Die Löhne sinken rapide, Armut und Kriminalität nehmen wieder zu.

Weimarer Sozialpolitik

Wohnen: Arbeitersiedlungen entstehen

Nach dem Krieg herrscht vor allem in den Städten große Wohnungsnot. Wegen des Mangels an kleinen, preiswerten Wohnungen überwacht und bewirtschaftet das Reichsarbeitsamt den Wohnungsmarkt. Seit dem Jahr 1924 müssen Hausbesitzer auf ihre Mieteinnahmen eine Hauszinssteuer entrichten. Diese Mittel verwenden die Gemeinden wiederum zur Finanzierung neuer Wohnsiedlungen. Erste Arbeiterwohnungen und Arbeitersiedlungen entstehen. Aus den als Selbsthilfeorganisationen gegründeten Bauvereinen und Baugenossenschaften entwickelt sich der soziale Wohnungsbau.

Gesundheit: Ausbau der Krankenversicherung

Das Gesundheitswesen in der Weimarer Republik ist überschattet von politischen Auseinandersetzungen, der Inflation und der Weltwirtschaftskrise. Es gelingt jedoch, die Versicherungspflicht in der gesetzlichen Krankenversicherung auszubauen. Krankenkassen schließen nun Verträge nicht mehr mit den Ärzten selbst, sondern mit den Ärzteorganisationen. Eine Verstaatlichung des Gesundheitswesens kann allerdings nicht durchgesetzt werden. Stattdessen entwickelt sich die kommunale Gesundheitsfürsorge.

Als die Weltwirtschaftskrise Deutschland erreicht, sinken auch die Einnahmen der Krankenkassen. Die Regierung ist gezwungen, gesetzliche Schritte einzuleiten: Mit einer Notverordnung vom 26. Juli 1930 wird das Krankengeld von 75 auf 50 Prozent des Lohns herabgesetzt, es wird erst ab dem vierten Krankheitstag gezahlt. Eine Krankenscheingebühr von 50 Pfennig wird erhoben, und die Versicherten werden an den Arzneikosten beteiligt.

Arbeitsrecht: Arbeitnehmer und Arbeitgeber

Obwohl die Wirtschaftsentwicklung stagniert, fordern die Gewerkschaften Lohnerhöhungen, um die Kaufkraft der privaten Haushalte zu steigern. Die Unternehmer stellen sich gegen höhere Löhne, da sie die Exportchancen, also die Verkaufsmöglichkeiten von Produkten im Ausland, der deutschen Industrie vermindern.

Im Jahr 1920 tritt das Betriebsrätegesetz in Kraft, mit dem erstmals Vertreter der Arbeitnehmer – die Betriebsräte – in sozialen und personellen Angelegenheiten per Gesetz mitbestimmen dürfen.

Unter Führung der Kohleindustrie und Stahlindustrie verlangen die Industriellen, die Aufhebung verbindlicher Tarifverträge und fordern die Einführung freier Tarifverträge. Tarifverträge sind Verträge, die Gewerkschaften als Vertreter der Arbeitnehmer und Arbeitgeberverbände gemeinsam als Sozialpartner aushandeln. In einem Tarifvertrag wird zum Beispiel festgelegt, welche Löhne die Arbeitnehmer erhalten und was sie im Gegenzug dafür leisten müssen. Die Arbeitgeber wollen außerdem die Sozialversicherungen abschaffen. Stattdessen sollen Zwangssparkassen für Arbeitnehmer eingerichtet werden. Obwohl angesehene Politiker der bürgerlichen Parteien diese Ansichten teilen, können sie sich nicht durchsetzen.

Im Dezember 1926 wird mit dem Arbeitsgerichtsgesetz eine einheitliche und eigenständige Arbeitsgerichtsbarkeit geschaffen, die für alle Arbeitsrechtsstreitigkeiten zuständig ist, auch für die zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern.

Arbeitslosigkeit: Ein bedeutendes Gesetz entsteht

Von Beginn an versuchen die Weimarer Regierungen, die Erwerbslosigkeit in den Griff zu bekommen. Seit dem Jahr 1919 können Arbeitslose beispielsweise bei öffentlichen Notstandsarbeiten wie Straßenbauten oder Flussregulierungen eingesetzt werden. Seit dem Jahr 1923 müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer für die Finanzierung der Erwerbslosenfürsorge aufkommen. Erstmals im April 1924 und per Gesetz ab 1927 erhalten Kurzarbeiter Unterstützung. Kurzarbeit ist die reduzierte Arbeitszeit aufgrund einer schwierigen wirtschaftlichen Lage eines Unternehmens, ein Teil des wegfallenden Lohns wird vom Staat übernommen. Für langfristig Erwerbslose schafft die Regierung die Krisenunterstützung, um die Fürsorgeaufwendungen der Gemeinden zu senken.

Jahrelang wird über das Gesetz zur Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung beraten. Im Oktober 1927 tritt es in Kraft. Das Arbeitslosenversicherungsgesetz zählt zu den bedeutendsten sozialpolitischen Leistungen der Weimarer Republik. Allerdings geht die Finanzierung der Versicherung von höchstens 700.000 Erwerbslosen aus, eine Massenarbeitslosigkeit von über fünfeinhalb Millionen Arbeitslosen während der Weltwirtschaftskrise ist zu diesem Zeitpunkt schlicht unvorstellbar und ein Versagen des Gesetzes ab 1930 deshalb unvermeidlich.

Arbeitslosigkeit von 1921 bis 1933

Excel-Datei zum Schaubild

Tabelle: Arbeitslosigkeit von 1921 bis 1933
Quelle: Ausstellungskatalog In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, Bonn 2008
 

Eine Republik am Ende

Am 27. März 1930 zerbricht die letzte Regierung der Weimarer Republik, die über eine parlamentarische Mehrheit verfügt. Die große Koalition unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller kann keine Einigung über die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung erzielen: Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands möchte die Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern erhöhen, die Deutsche Volkspartei will die Leistungen senken. Schließlich werden mit dem Instrument der Notverordnung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Beiträge für die Versicherten erhöht und die Leistungen gesenkt.

Die späteren Regierungen unter Reichskanzler Heinrich Brüning, Franz von Papen und Kurt von Schleicher sind nur noch als Präsidialkabinette mithilfe von Notverordnungen regierungsfähig. Sie versuchen, die Konjunktur anzukurbeln und die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen: Lohnsenkungen und Preissenkungen, 40-Stunden-Woche, berufstätige verheiratete Frauen sollen zurück an den Herd und ihre Stelle einem männlichen Arbeitslosen überlassen. Enttäuschung und Verdruss breiten sich aus.

Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit treiben die Wählerinnen und Wähler schließlich in die Arme der Nationalsozialisten, die ab dem Jahr 1930 mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ihren Weg zur Machtübernahme ebnen. Am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg den Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands und Führer der stärksten Fraktion im Reichstag, Adolf Hitler, zum Reichskanzler.

Quellenhinweis

Für dieses Kapitel wurden neben dem Ausstellungskatalog In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, Bonn 2008, auch folgende Quellen herangezogen (Stand Februar 2014):

Deutsches Historisches Museum/Lebendiges virtuelles Museum Online:
Die Weimarer Republik
Lesen unter www.dhm.de/lemo

Cine Plus Leipzig GmbH in Koproduktion mit der Bundeszentrale für politische Bildung:
Deutsche Geschichten
Lesen unter www.deutschegeschichten.de

 

Die Texte und Bilder entstammen dem Arbeitsheft Sozialgeschichte Band I: Vom späten Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg
Stand März 2014

7 Antworten

Kommentare

sehr interessant! :-)

das ist wirklich sehr hilfreich, danke!

Sehr hilfreich für unsere Schul Präsentation :D Danke

coll

Ich kann zwar die positiven Rezensionen verstehen, jedoch bin ich hingegen der Meinung das die erschaffene Stimmung des Textes eher wie das Fondue ist, welches ich von meiner Oma zu Weihnachten geschenkt bekommen habe ... im Keller ! Hast du überhaupt eine Ahnung wovon du redest?

Könnten sie bitte endlich den Kommentar meiner Frau online stellen. Danke dass sie mir zuhören und ich wünsche ihnen einen schönen Tag. MFG Günther

+ sehr interessant. Wie sich die Bilder gleichen: Unternehmer wollen die Sozialversicherung abschaffen und durch Zwangssparkassen ersetzen -> Rentenversicherung "Altersarmut", Riester Sparverträge. Aufhebung der Flächentarifverträge -> heute: Aufhebung der Flächentarifverträge Radikalisierung, Abwendung von der SPD -> AfD - Abwendung von der SPD. Was kommt demnächst? Notverordnungen? PS: Das Zentrum (Vorgänger der CDU) tat sich 1932 viel leichter damit, eine "Koalition" mit der NSDAP einzugehen, als mit linken Parteien. Und heute?

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