Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenversicherung

Arbeitslos, aber nicht mittelos

Erste Hilfe

kommt vom Staat

Wer arbeitslos wird, dem greift der Sozialstaat unter die Arme. Die Arbeitslosenversicherung finanziert das Arbeitslosengeld, aber auch das Kurzarbeitergeld. Vor allem diese Hilfe hat sich in der Corona-Krise bewährt, um Betroffene finanziell abzusichern. Der Staat hilft zudem mit Fortbildungen und Qualifizierungskursen, um die Chancen auf einen neuen Job zu erhöhen. Denn das Ziel der Arbeitsmarktpolitik ist es, für ein Gleichgewicht zu sorgen: Einerseits sollen Arbeitsuchende möglichst schnell wieder in sozialversicherungspflichtige Jobs kommen, weil die finanziellen Hilfen den Staat viel Geld kosten. Andererseits sollen Unternehmen genügend Arbeitskräfte finden, um ihren Bedarf zu decken und damit Wirtschaftswachstum sichern zu können. Perfekt läuft es aber nirgends: In allen modernen Gesellschaften, auch in Deutschland, gibt es Menschen ohne Job. Das lässt sich nicht ganz vermeiden (2 S. 34). Etwa weil sich Gesellschaft und Technik wandeln und bestimmte Berufe dadurch aussterben: in den letzten Jahren zum Beispiel der des Bergarbeiters. Seit einigen Jahren ist die Arbeitslosenquote in der Bundesrepublik gesunken und lag 2019 bei fünf Prozent. Durch die Auswirkungen der Corona-Epidemie gibt es wieder mehr arbeitslose Menschen. Ohne das Kurzarbeitergeld wären es aber deutlich mehr.

Nicht allen Menschen ohne Job gelingt es, schnell und einfach ins Arbeitsleben zurück zu finden. Im Schnitt sind Betroffene in Deutschland etwa 37 Wochen arbeitslos. Die Dauer schwankt aber stark je nach Alter und Qualifikation (2 S. 12). Seit Jahren hat sich dieser Wert nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit kaum verändert.
Je länger Menschen ohne Arbeit sind, desto schwieriger wird meist ihre Situation. Denn sie verlieren mit der Zeit fachlich den Anschluss, wenn sie keine Möglichkeit zur Weiterbildung haben. Damit wird es auch schwieriger, einen neuen Job zu finden. Für viele Betroffene ist die seelische Belastung groß: Nicht nur die knappere Kasse kann schmerzhafte Veränderungen bedeuten. Manche entwickeln das Gefühl, weniger wert zu sein und von der Gesellschaft nicht gebraucht zu werden. Psychische Krankheiten wie Depressionen treten laut medizinischen Studien bei Arbeitslosen häufiger auf als bei Erwerbstätigen.

6,7 Millionen Beschaeftigte

bezogen der Bundesagentur für Arbeit zufolge im Mai 2020 Kurzarbeitergeld aus konjunkturellen Gründen. Zum Vergleich: Im Februar 2020 waren es 134.000.

Mit Kurzarbeit durch die Krise

Wegfallende Aufträge und geschlossene Läden: Die Corona-Krise hat heftige Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Viele Menschen hatten in ihren Betrieben plötzlich viel weniger Arbeit – oder in manchen Fällen auch gar keine Arbeit mehr. Regierung und Bundestag mussten schnell handeln. Deshalb wurde im Frühjahr 2020 das sogenannte Kurzarbeitergeld ausgeweitet. Kurzarbeit heißt, dass der Arbeitgeber die Arbeitszeit seiner Angestellten verringern darf. Entsprechend spart er das Gehalt ein. Was den Mitarbeiter*innen so an Einkommen verlorengeht, übernimmt zu einem großen Teil die Bundesagentur für Arbeit. Dies gilt für alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, da das sogenannte Kurzarbeitergeld aus der Arbeitslosenversicherung bezahlt wird. Der Vorteil: Der Arbeitsplatz bleibt erhalten. Ist die Krise vorüber, können Unternehmen und Beschäftigte die Arbeit wieder voll aufnehmen.

13,3 Milliarden Stunden

Während der Corona-Pandemie haben die Menschen in Deutschland insgesamt weniger gearbeitet als vorher. Von April bis Juni 2020 waren es 13,3 Milliarden Stunden weniger als im gleichen Zeitraum 2019. Das entspricht zehn Prozent. Das hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ausgerechnet. Die Forscher haben dafür die geleisteten Stunden der 44,7 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland zusammengerechnet. Der Rückgang hängt vor allem mit der Kurzarbeit zusammen. „Die Arbeitszeitverkürzung mit dem dicken Brocken Kurzarbeit war der wesentliche Anpassungsweg an die veränderte Situation“, sagt Enzo Weber vom IAB.

Ursachen von Arbeitslosigkeit

Sucharbeitslosigkeit existiert, weil immer ein Teil der Arbeitskräfte auf der Suche nach anderen Arbeitsplätzen ist. Die Sucharbeitslosigkeit tritt bei einem Arbeitsplatzwechsel zwischen dem Ende der alten und der Aufnahme einer neuen Tätigkeit auf. Durch effiziente Arbeitsvermittlung wird versucht, Sucharbeitslosigkeit zu verkürzen.

Konjunkturelle Arbeitslosigkeit entsteht durch Schwankungen in der wirtschaftlichen Entwicklung. Wenn die Nachfrage an Produkten und Dienstleistungen zurückgeht, werden weniger Arbeitskräfte benötigt und von den Unternehmen entlassen. Bei einer positiven Entwicklung steigt die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen und es werden (wieder) mehr Arbeitskräfte eingestellt. Konjunkturelle Arbeitslosigkeit tritt daher kurz- und mittelfristig auf. Durch Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld soll diese Form der Arbeitslosigkeit vermieden werden.

Strukturelle Arbeitslosigkeit hat verschiedene Ursachen, die in längerfristigen Veränderungen der Wirtschaft und Gesellschaft liegen. So hat sich der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit verlagert, von der Industrie zur Dienstleistungswirtschaft. Auch technologische Entwicklungen (beispielsweise eine stärkere Nutzung erneuerbarer Energien und der damit verbundene Kohleausstieg oder die Digitalisierung, durch die Maschinen verschiedene Aufgaben übernehmen) führen dazu, dass insgesamt oder verstärkt in einzelnen Regionen bestimmte berufliche Tätigkeiten nicht mehr gefragt sind. Hier setzt die Arbeitsmarktpolitik aktiv an, in dem vor allem durch die gezielte Förderung von Weiterbildung und Qualifizierung der Entstehung von struktureller Arbeitslosigkeit vorgebeugt werden soll.
Saisonale Arbeitslosigkeit ist vor allem jahreszeitlich bedingt. Einige Tätigkeiten beispielsweise in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder im Tourismus werden überwiegend im Sommer nachgefragt, so dass die Arbeitslosigkeit im Winter etwas höher liegt. Um jahreszeitlich bedingte Arbeitslosigkeit zu vermeiden, wird das Saison-Kurzarbeitergeld eingesetzt.

Wie viele Menschen sind arbeitslos?

Arbeitslosenquote in Prozent aller zivilen Erwerbspersonen, Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Datenstand Juli 2020

Das Arbeitslosengeld

Arbeitslosengeld: Hilfe aus der Sozialversicherung

Arbeitnehmer*innen, die ihren Job verlieren, erhalten Geld aus der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung. Die Mittel dafür stammen aus Beiträgen von Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen. Doch automatisch kommt das Geld nicht aufs Konto. Wer Arbeitslosengeld erhalten will, muss sich bei der Bundesagentur für Arbeit (BA)
melden und zwar schnell: Spätestens 3 Monate vor Ende des Arbeitsverhältnisses.

Wer arbeitslos wird, erhält mit dem Arbeitslosengeld 60 Prozent seines vorherigen Nettolohns, mit Kindern sind es 67 Prozent. Auch Selbstständige, die vorher freiwillig Beiträge bezahlt haben, können Arbeitslosengeld bekommen.

Wie lange das Arbeitslosengeld fließt, hängt vom Alter ab und der Zeitspanne, in der Beiträge bezahlt wurden. Arbeitslose unter 50 Jahren können höchstens 12 Monate Arbeitslosengeld beziehen. Für über 50-Jährige erhöht sich die Dauer stufenweise auf maximal 24 Monate.

  

Arbeitslosengeld II: Steuerfinanzierte Grundsicherung

Wer länger arbeitslos ist und nicht vom eigenen Vermögen - oder anderem Einkommen - leben kann, hat unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf Arbeitslosengeld II. Die sogenannte Grundsicherung für Arbeitsuchende (umgangssprachlich auch „Hartz IV“) wird im Unterschied zum Arbeitslosengeld nicht aus Beiträgen, sondern aus Steuern finanziert. Bevor der Staat zahlt, gibt es eine Bedürftigkeitsprüfung. Zuerst müssen Betroffene ihr Vermögen für den Lebensunterhalt einsetzen. Je nach Alter des Empfängers bleibt ein bestimmter Betrag davon aber unangetastet.

Ab 1. Januar 2020 bekommen Alleinlebende und Alleinerziehende im Monat 432 Euro Grundsicherung. Ehe- oder Lebenspartner erhalten jeweils 389 Euro, Kinder und Jugendliche je nach Alter 250 bis 328 Euro. Auch die Kosten für die Unterkunft, das Heizen und die gesetzliche Kranken­- und Pflegeversicherung werden übernommen. Für bestimmte Personen wie Alleinerziehende und Schwangere gibt es zusätzlich monatliche sowie einmalige Hilfen – beispielsweise Geld für einen Kinderwagen oder Kleidung.

„Als der Chef uns mitteilte, dass er unseren Betrieb schließen muss, war das ein ziemlicher Schock. Zum Glück wusste mein Kollege, dass man sich schon vor Beginn der Arbeitslosigkeit bei der Arbeitsagentur Hilfe holen kann. Ein Großteil meiner Bewerbungs- und Fahrtkosten zu den Vorstellungsgesprächen wurde übernommen. Beim fünften Vorstellungsgespräch hat es geklappt, sodass ich insgesamt nur sechs Wochen arbeitslos war.“ 
 

Stefan, 33, Kfz-Mechatroniker aus Eschwege