Hintergrund: Rente mit 67

Die heutigen Erwerbstätigen zahlen in die Rentenkasse ein und die Ruheständler erhalten daraus ihre Rente. So stützt die junge Generation die alte Generation, die nicht mehr im Berufsleben steht. Der demografische Wandel brachte diesen Generationenvertrag jedoch ins Wanken. Eine Lösung musste her, und ein Teil dieser Lösung ist die Rente mit 67. Denn wer alt ist, soll sich auch in Zukunft auf die Solidarität der Jungen verlassen können – und zwar nicht nur auf die der eigenen Kinder.

Das Finanzierungsmodell der gesetzlichen Rentenversicherung ist das so genannte Umlageverfahren: Die Beiträge, die ein Versicherter in die Rentenkasse einzahlt, werden nicht für ihn selbst als Kapital angespart, sondern gleich für die Renten der älteren Generation ausgegeben. Der Versicherte erhält für seine Einzahlung einen Anspruch darauf, selbst im Alter eine Rente zu erhalten.

Das Umlageverfahren kann auf Dauer nur funktionieren, wenn ausreichend viele Beitragszahler für einen Rentner aufkommen: Während 1990 noch knapp drei Beitragszahler für einen Rentner aufkommen mussten, waren es 2010 nur noch zwei. Im Jahr 2030 werden es nur noch rund anderthalb Beitragszahler sein. Damit die gesetzliche Rente weiterhin stabil und finanzierbar bleibt, wird das Renteneintrittsalter seit dem Jahr 2012 schrittweise von 65 auf 67 Jahre erhöht.

Bisherige Reformen zur Alterssicherung

Damit die gesetzliche Rente auch in Zukunft eine solide Grundsicherung im Alter bieten kann, wurden und werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren immer wieder an den demografischen Wandel angepasst:

Die Rente ist dynamisch; die jährliche Rentenanpassung orientiert sich an der Entwicklung der Bruttolöhne aller Beschäftigten. Seit 2005 wirkt zusätzlich ein so genannter Nachhaltigkeitsfaktor in der Formel zur Anpassung der Renten: Verschlechtert sich das zahlenmäßige Verhältnis von Rentenbeziehern zu Beitragszahlern, fallen die Rentenanpassungen geringer aus.

Die jährliche Erhöhung beziehungsweise Anpassung der Rentenbezüge an die Lohnentwicklung wurde bereits mehrmals ausgesetzt – zuletzt im Jahr 2010 angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation und der damit verbundenen Beitragsausfälle. Die Rentnerinnen und Rentner mussten eine Nullrunde hinnehmen. Eigentlich hätten die Renten sogar gekürzt werden müssen, doch das verhinderte die Rentenschutzklausel zur Rentengarantie. Zum 1. Juli 2011 stiegen die Renten wieder um 0,99 Prozent. Im Juli 2012 wurden sie im Westen um 2,18 Prozent und im Osten um 2,26 Prozent angehoben.

Der Beitragssatz zur Rentenversicherung ist im Januar 2012 um 0,3 Prozentpunkte auf 19,6 Prozent des Bruttoeinkommens gesunken. Prognosen gehen davon aus, dass er in den kommenden Jahren weiter sinken könnte.

Zusätzliche kapitalgedeckte Vorsorge: Riester-Rente

Seit Beginn des Jahres 2002 wird der Aufbau einer privaten, kapitalgedeckten Altersvorsorge durch den Staat gefördert. Die Riester-Rente ist nach dem damaligen Arbeits- und Sozialminister Walter Riester benannt. Sie wurde eingeführt, um auch Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen den Aufbau einer zusätzlichen privaten Altersvorsorge zu ermöglichen.

Im Jahr 2011 wurden fast eine Million neue Riester-Verträge abgeschlossen. Ende 2011 lag die Gesamtzahl der Riester-Verträge bei 15,36 Millionen. Der stärkste Zuwachs wurde beim sogennanten Wohn-Riester verzeichnet.

Meinungen zur Rente mit 67

Die Ansichten zur Rente mit 67 von Arbeitgeberseite und Arbeitnehmerseite gehen auseinander. Der Bundesverband der Arbeitgeberverbände hält die Rente mit 67 für unverzichtbar, um die Renten zu sichern:

Die schrittweise Anhebung des Rentenalters ist angesichts der steigenden Lebenserwartung entscheidend, um die Rentenversicherung zukunftsfest zu machen. (...) Die schrittweise Anhebung des Rentenalters ist zumutbar: Ältere Arbeitnehmer sind heute meist fit genug, um länger erwerbstätig zu sein. Wer das gesundheitlich nicht leisten kann, hat auch weiterhin die Möglichkeit, vorzeitig in Rente gehen. In den Betrieben werden Ältere auch wegen des zunehmenden Fachkräftemangels immer häufiger beschäftigt.

(Quelle: Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, www.bda-online.de, Stand Mai 2012)

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, betont hingegen:

Die Beschäftigungssituation Älterer hat sich verbessert, aber sie ist nicht gut. Und sie ist aus unserer Sicht schon gar kein Grund für die Einführung der Rente mit 67 – im Gegenteil. 

Zwar steige in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen tatsächlich die Erwerbsquote. Allerdings, so der DGB-Vorsitzende, seien in dieser Altersgruppe rund 860.000 Menschen ausschließlich in Minijobs beschäftigt.

Es ist deshalb ein großer Unterschied, ob wir bei Älteren über Erwerbstätigkeit oder über sozialversicherungspflichtige Erwerbstätigkeit sprechen.

(Quelle: Deutscher Gewerkschaftsbund, www.dgb.de, Stand Mai 2012)

Die Rente mit 67 im Überblick

Mit dem Gesetz zur Rente mit 67, also dem RV-Altersgrenzenanpassungsgesetz vom 20. April 2007, wird die Regelaltersgrenze in den Jahren 2012 bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Konkret heißt das: Seit 2012 wird das Renteneintrittsalter für diese Rentenart jedes Jahr um einen Monat, ab 2024 um zwei Monate erhöht. Alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab Jahrgang 1964 können dann erst mit 67 Jahren die Regelaltersrente beziehen. Dies soll verhindern, dass die Kinder und Jugendlichen von heute später, wenn sie erwachsen und erwerbstätig sind, viel höhere Rentenbeiträge für die Elterngeneration zahlen muss.

Besonders langjährig Versicherte

Beschäftigte, die insgesamt 45 Jahre Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung gezahlt haben, können weiter mit 65 Jahren abschlagsfrei, das heißt ohne Kürzungen der Rente, in den Ruhestand gehen. Zeiten der Kindererziehung bis zum 10. Lebensjahr des Kindes oder Pflegezeiten werden mitberücksichtigt. Diese Rente nennt sich Altersrente für besonders langjährige Versicherte.

Langjährig Versicherte

Auch hier wird die Altersgrenze für eine abschlagsfreie Rente stufenweise auf 67 Jahre angehoben. Wer 35 Jahre Pflichtbeiträge gezahlt hat, kann diese Rente weiterhin vorzeitig, frühestens mit 63 Jahren beziehen. Doch er oder sie muss lebenslange Abzüge in Kauf nehmen. Für jeden Monat vor dem regulären Rentenalter werden 0,3 Prozent abgezogen. Jemand der nach 35 Versicherungsjahren mit 63 statt mit 67 in Rente gehen will, muss mit Abschlägen von 14,4 Prozent rechnen.

Schwerbehinderte Menschen

Für schwerbehinderte Menschen steigt die Altersgrenze für eine Rente ohne Abschläge stufenweise von 63 auf 65 Jahre. Das Alter für den frühesten Rentenbeginn steigt bis 2029 von 60 auf 62 Jahre. Dann gibt es allerdings Abschläge. Doch es gilt eine Vertrauensschutzregel: Wer vor dem 17. November 1950 geboren ist und spätestens am 16. November 2000 anerkannt schwerbehindert war, kann weiterhin mit 60 Jahren ohne Abzüge in Rente gehen.

Erwerbsminderungsrente

Die Altersgrenze für den abschlagsfreien Bezug der Erwerbsminderungsrente wird von 63 auf 65 Jahre angehoben. Wer früher auf diese Rente angewiesen ist, muss bis zu 10,8 Prozent Abzüge in Kauf nehmen. Ausnahmen gibt es für Versicherte mit 35 Beitragsjahren beziehungsweise ab dem Jahr 2024 mit 40 Beitragsjahren. Für sie gilt weiterhin die Altersgrenze 63.

Hinterbliebenenrente

Ab 2029 bekommen Hinterbliebene nur noch dann eine abschlagsfreie Rente, wenn der Verstorbene mindestens 65 Jahre alt war. Ebenso wie die Regelaltersgrenze angehoben wird, steigt nun auch die Altersgrenze für die große Witwenrente oder Witwerrente stufenweise von 45 auf 47 Jahre – abhängig vom Todesjahr des Versicherten. Ab dem Jahr 2029 bekommen Hinterbliebene diese Rente erst ab einem Alter von 47 Jahren.

Voraussetzung für die Rente mit 67: eine altersgerechte Arbeitswelt

Die Situation der älteren Menschen auf dem Arbeitsmarkt ist nicht einfach. Dabei muss unterschieden werden zwischen Menschen, die in Arbeit stehen, und Menschen, die eine neue Arbeit suchen. Im Bericht Aufbruch in die altersgerechte Arbeitswelt von November 2010 stellt die Bundesregierung fest,

  • dass sich die Zahl der Arbeitslosen über 55 Jahre im Vergleich zum Jahr 2000 nahezu halbiert hat.
  • dass die Zahl älterer Erwerbstätiger zwischen 55 und unter 65 Jahren von 2005 bis 2009 um mehr als eine Million angestiegen ist.
  • dass im Alter von 55 bis 64 Jahren drei von vier Beschäftigten sozialversicherungspflichtige Vollzeitjobs haben.
  • und dass sich die Erwerbstätigenquote der Menschen im Alter zwischen 60 und unter 65 Jahren seit 2000 von rund 20 Prozent nahezu verdoppelt hat und im zweiten Quartal 2010 bereits bei 41,1 Prozent lag.
     

Aber vor allem Arbeitslose jenseits der 55 finden oft nur schwer in den Arbeitsmarkt zurück. Der schon heute festzustellende Facharbeitermangel in den Betrieben wird jedoch auch hier die Chancen der Älteren verbessern. Denn schon heute sind die Unternehmen aufgefordert, ihre Betriebe auf die demografische Entwicklung einzustellen.

Fortschrittsreport Altersgerechte Arbeitswelt

Mit dem Fortschrittsreport Altersgerechte Arbeitswelt will die Bundesregierung fortan die Entwicklung begleiten bis im Jahr 2029 die Anhebung der Regelaltersgrenze abgeschlossen ist. Im aktuellen Report liegt ein Fokus auf den Instrumenten, mit denen die Lebensarbeitszeit besser ausgeschöpft werden kann. Dadurch gewinnen nicht nur die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sondern auch die Betriebe. Wie eine Studie des des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zeigt, erhöht sich die Produktivität eines Betriebes um gut 0,5 Prozent, wenn der Anteil der 45- bis 50-Jährigen an der Gesamtbelegschaft um einen Prozentpunkt zunimmt. Sind altersgerechte Arbeitsplätze vorhanden, steigt die Produktivität der Beschäftigten zwischen 45 und 50 Jahren sogar um zwei Prozent. Der Altersmix ist also ein wichtiger Faktor für wirtschaftlichen Erfolg.

Flexi-II-Gesetz: Langzeitkonten und Wertguthaben

Ein weiteres Instrument, ältere Beschäftigte länger im Betrieb zu halten, sind Langzeitkonten, auch Wertguthaben genannt. Diese sind im Gesetz zur Verbesserung der Rahmenbedingungen der sozialrechtlichen Absicherung flexibler Arbeitszeitregelungen, dem so genannten Flexi-II-Gesetz, festgeschrieben: Wertguthaben bieten den Beschäftigen Flexibilität und Freiraum, ihre Arbeitszeit über einen längeren Zeitraum zu organisieren und somit auch freie Zeit anzusparen.

Bisher nutzen 40.000 Betriebe in Deutschland Wertguthaben. Hier können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter größere Arbeitszeitguthaben ansparen und sich dann längerfristig freistellen lassen. Das entspricht jedoch nur zwei Prozent aller Betriebe. Der Anteil bei Betrieben mit 500 und mehr Beschäftigten liegt mit 13 Prozent weit über dem Durchschnitt.

Perspektive 50plus

Um die Arbeitslosenquote unter den Älteren weiter zu senken, hat die Bundesregierung parallel zur Rente mit 67 das Programm Perspektive 50plus auf den Weg gebracht. Ziel der Initiative ist es, die Beschäftigungschancen und die Beschäftigungsfähigkeit der über 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Die heute bestehenden finanziellen Anreize, möglichst früh in Rente zu gehen, werden nach und nach abgebaut. Stattdessen soll die Beschäftigung und Weiterbildung älterer Arbeitnehmer in den Betrieben künftig stärker gefördert werden. Dazu gehören unter anderem Weiterbildungsangebote für ältere Arbeitnehmer und Eingliederungszuschüsse für Unternehmen, die ältere Jobsuchende einstellen.

Die dritte Programmphase, die bis 2015 angesetzt ist, ist im Jahr 2011 gestartet. Das Kernstück ist der regionale Ansatz, der die jeweiligen Besonderheiten vor Ort einbezieht. Wichtige Partner neben den Jobcentern sind Unternehmen, Kammern und Verbände, kommunale Einrichtungen und Bildungsträger, Politik, Gewerkschaften, Kirchen und Sozialverbände.

Rentendialog – geplante Neuerungen

Der seit Herbst 2011 laufende Rentendialog der Bundesregierung soll eine neue Rentenreform anstoßen. Die Deutsche Rentenversicherung, Fachpolitiker, Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften, Arbeitgeber und weitere Institutionen und Akteure beteiligen sich daran. Die Reform soll in der zweiten Jahreshälfte 2012 verabschiedet werden.

Zuschussrente

Im Moment sind Menschen, die jahrzehntelang im Niedriglohnsektor gearbeitet haben, und Menschen, die nicht gearbeitet haben, im Alter oft finanziell gleichgestellt. Hier soll in Zukunft die Zuschussrente greifen, die jene Menschen belohnen soll, die in die Rentenversicherung eingezahlt haben.

Kombirente

Die Kombirente soll einen Anreiz schaffen, länger im Erwerbsleben zu bleiben. Rente und Einkommen sollen stärker als bisher kombiniert werden können. Künftig sollen Rentnerinnen und Rentner mehr als 400 Euro hinzuverdienen können, ohne dass die Rente gekürzt wird. Die Obergrenze aus Rente und Einkommen bemisst sich am höchsten Jahresbruttoeinkommen in den 15 Jahren vor dem Eintritt in die Rente.

Altersversorgung von Selbstständigen

In Zukunft sollen Selbstständige zu einer obligatorischen Alterssicherung verpflichtet werden. Das soll Selbstständige davor bewahren, in die Altersarmut abzurutschen.

Ausblick

Die Rente mit 67 und die Maßnahmen zur Integration Älterer in den Arbeitsmarkt sind Antworten auf den demografischen Wandel. Sie sollen helfen, die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung trotz der sich verändernden Altersstruktur in Deutschland nachhaltig zu sichern und den Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung nicht über 20 Prozent bis 2020 beziehungsweise 22 Prozent bis 2030 steigen zu lassen.

Den gleichen Stellenwert wie die Begrenzung des Beitragssatzes hat ein verlässliches Rentenniveau, also das Verhältnis von Renten zu Löhnen: Gesetzliches Ziel ist es, dass das so genannte Sicherungsniveau vor Steuern bis zum Jahr 2020 46 Prozent und bis 2030 43 Prozent nicht unterschreitet. Die Rentenlast zwischen Jung und Alt soll gerecht verteilt werden. Dennoch ist deutlich: Ohne zusätzliche private Altersversorgung können Rentnerinnen und Rentner künftig ihren Lebensstandard nicht halten, trotz der Anhebung des Rentenalters auf 67.

(Quellen: Bundesministerium für Arbeit: www.bmas.de, Deutsche Rentenversicherung: www.deutsche-rentenversicherung.de, Perspektive 50plus: www.perspektive50plus.de, Bundesregierung: www.bundesregierung.de, Ihre Vorsorge: www.ihre-vorsorge.de)

 

Stand Mai 2012

0 Antworten

Neuen Kommentar schreiben