Hintergrund: Gesundheitsprävention

Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein Mensch sein Potential entfalten und seine selbstgesteckten Ziele verwirklichen kann. Gesunde, motivierte und leistungsfähige Mitarbeiter sind eine Voraussetzung für den unternehmerischen Erfolg und somit ein wichtiger Faktor der Volkswirtschaft. Obwohl im vergangenen Jahrzehnt immer mehr Menschen ihren Gesundheitsstand als gut oder sehr gut einschätzen, steigen die Kosten der Gesundheitsausgaben kontinuierlich. Dabei hat sich vor allem die Zahl der diagnostizierten psychischen Erkrankungen in diesem Zeitraum stark erhöht. Mit Maßnahmen zur Gesundheitsprävention sollen Menschen vor Gesundheitsgefahren geschützt und zu einer gesundheitsfördernden Lebensweise angeregt werden. Dies entlastet gleichzeitig die sozialen Sicherungssysteme, senkt die Gesundheitsausgaben und erhält die Arbeitsfähigkeit der Menschen in einer durch den demografischen Wandel alternden Gesellschaft.

Der Schutz vor gesundheitlichen Risiken ist eine ethische Frage – aber nicht nur: Auch aus ökonomischen Gründen ist es notwendig, mögliche Beeinträchtigungen durch arbeitsbedingte psychische Belastung frühzeitig zu erkennen und zu minimieren, um spätere lange Fehlzeiten zu vermeiden. Künftig wird es in Deutschland erheblich weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter geben, und das Durchschnittsalter der Beschäftigten wird steigen. Auch deshalb sind die Rahmenbedingungen der Arbeitswelt so zu gestalten und eigenverantwortliches und gesundheitsbewusstes Handeln so zu fördern, dass die Menschen gesund, motiviert und qualifiziert bis zum Rentenalter arbeiten können. Daher ist es wichtig, das Wissen über mögliche Gefährdungen, deren Vermeidung und die damit verbundenen gesetzlichen Pflichten in die Unternehmen und die öffentliche Verwaltung zu bringen.

(Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Deutscher Gewerkschaftsbund: Gemeinsame Erklärung Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt 2013, Präambel, www.bmas.de)

Struktureller und individueller Ansatz der Gesundheitsprävention

Die staatliche, betriebliche oder private Gesundheitsförderung verfolgt vielfältige Ziele, die sowohl persönliche, soziale, demografische als auch finanzielle Aspekte berühren. Sie betrifft die gesamte Bevölkerung und umfasst alle Lebensbereiche. Während die Prävention im engeren Sinne auf die Vorbeugung und Früherkennung von Krankheiten abzielt, will die Gesundheitsförderung vor allem die Gesundheit in der Bevölkerung stärken.

Die Gesundheitsförderung unterscheidet grundsätzlich zwei Ansätze: Der individuelle Ansatz richtet sich direkt an die Menschen. Sie sollen befähigt und motiviert werden, einen gesunden und vorbeugenden Lebensstil zu führen. Auf diesem Gebiet engagieren sich vor allem die Krankenkassen, aber auch lokale und private Initiativen. Der Setting-Ansatz konzentriert sich auf bestimmte Lebensräume wie Schulen, Kindertagesstätten, Senioreneinrichtungen, das soziale Wohnumfeld oder einzelne Unternehmen. Hier setzen die meisten staatlichen und betrieblichen Maßnahmen an. (Quelle: Spitzenverband der gesetzlichen und Kranken- und Pflegekassen: Leitfaden Prävention, 2010)

Bedeutung der Gesundheitsprävention für den Einzelnen und die Gesellschaft

Grundgedanke der Gesundheitsprävention ist, dass alle Beteiligten von den Präventionsmaßnahmen profitieren: Arbeitnehmer, Unternehmen, schulische und andere soziale Einrichtungen, der Staat und Privatpersonen. Somit hat jeder ein eigenes Interesse an der Gesundheitsförderung und kann entsprechend mitwirken.

Gesundheit und Menschenrechte: der globale Ansatz der Weltgesundheitsorganisation

Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung der Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheitsförderung als einen Prozess, der über den Kernbereich der Gesundheitspolitik hinausgeht. Er berücksichtigt Aspekte der Selbstbestimmung, der Bedürfnisbefriedigung und der Mitbestimmung:

Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden hin. Ein guter Gesundheitszustand ist eine wesentliche Bedingung für soziale, ökonomische und persönliche Entwicklung und entscheidender Bestandteil der Lebensqualität.

(Quelle: Weltgesundheitsorganisation: Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, 1986)

Gesundheitsförderung beruht also auf Gesundheitserziehung durch Bildung und Aufklärung. Sie wird als Persönlichkeitsrecht definiert und somit als politische beziehungsweise gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden. Gesundheit ermöglicht es dem Menschen, sein vollständiges Potential zu entfalten – für sich selbst, aber auch für die Gemeinschaft und die Wirtschaft des Landes.

Individueller Ansatz: besseres Gesundheitsverhalten durch Prävention

Nach einer Umfrage zur subjektiven Bedeutung von Gesundheit der Universität Leipzig nennen alle Bevölkerungsschichten Gesundheit als wichtigste Voraussetzung für das persönliche Glück. Gesundheit wird assoziiert mit höherer Lebenszufriedenheit und längerem Leben, mit Mobilität, Leistungsstärke und Erfolg, aber auch mit Schönheit und besserem Sexualleben. (Quelle: Universität Leipzig: Ist Gesundheit das höchste Gut? Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage zur subjektiven Bedeutung von Gesundheit, in: Das Gesundheitswesen 2010, Ausgabe 12)

Dabei kann die eigene Gesundheit individuell beeinflusst werden, wie die EPIC-Potsdam-Studie nachweist. Wer nicht raucht, sich gesund ernährt, sich ausreichend bewegt, und einen Body Mass Index (BMI) unter 30 hat, reduziert sein Risiko für das Auftreten chronischer Erkrankungen um knapp 80 Prozent. Präventionsmaßnahmen, die auf Gesundheitserziehung und Verhaltensänderung abzielen, können hier direkt wirken. So ist bereits der Anteil der Frauen und Männer, die ihren Gesundheitsstand als gut oder sehr gut bezeichnen, seit Ende der 1990er-Jahre gestiegen. Auch treiben seitdem mehr Menschen Sport. Gleichzeitig ist die Raucherquote zurückgegangen, wie eine Studie des Robert Koch-Instituts berichtet. Dabei verbessert sich auch der Gesundheitszustand der über 65-Jährigen, und das trotz eines höheren Krankheitsrisikos aufgrund des fortgeschrittenen Lebensalters. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die Arbeitsfähigkeit bis zum Rentenalter. (Quellen: Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke: Langzeitstudie European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition-Potsdam-Studie; Robert Koch Institut: Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland, 2011)

Setting-Ansatz: Betriebliche Gesundheitsförderung

Verringerung des Krankenstandes

Der deutschen Volkswirtschaft gehen jährlich rund 225 Milliarden Euro durch kranke Arbeitnehmer verloren. Dies wurde in einer Studie der Felix Burda-Stiftung ermittelt. Die Fehlzeiten betragen 1.199 Euro pro Mitarbeiter im Jahr, weitere 2.399 Euro kosten gesundheitlich eingeschränkte Mitarbeiter aufgrund verringerter Arbeitsqualität, höherer Fehleranfälligkeit oder mangelnder Motivation. In den kommenden Jahren wird das Risiko von Krankheitsausfällen aufgrund der demografischen Entwicklung weiter steigen. Nach Schätzungen der Studie werden 40 Prozent der deutschen Erwerbsbevölkerung im Jahr 2024 zwischen 50 und 65 Jahre alt sein. Maßnahmen zur Verringerung des Krankenstandes durch eine betriebliche Gesundheitsförderung bedeuten für Unternehmen somit eine Kostenersparnis, eine höhere Produktivität und eine Investition für die Zukunft: 30 bis 40 Prozent der Arbeitsunfähigkeitszeiten können durch eigene Maßnahmen der Unternehmen eingespart werden könnten. (Quelle: Felix Burda Stiftung: Vorteil Vorsorge, Die Rolle der betrieblichen Gesundheitsvorsorge für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland, 2011)

Wettbewerbsfähigkeit

Die Neugewinnung und Bindung von Mitarbeitern ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für Unternehmen. Im Wettbewerb um die besten Köpfe können Gesundheitsfaktoren eine entscheidende Rolle spielen. Hierfür gibt es ganz unterschiedliche Ansatzpunkte wie eine stressreduzierende Arbeitsorganisation, Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Anti-Mobbing-Projekte oder auch Sportangebote.

Vorteile einer betrieblichen Gesundheitsförderung für Unternehmen
  • Sicherung der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter
  • Erhöhung der Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen
  • Kostensenkung durch weniger Krankheitsausfälle und Produktionsausfälle
  • Steigerung der Produktivität und Qualität
  • Imageaufwertung des Unternehmens
  • Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit
     
Vorteile einer betrieblichen Gesundheitsförderung für Arbeitnehmer
  • Verbesserung des Gesundheitszustandes und Senkung gesundheitlicher Risiken
  • Reduzierung der Arztbesuche
  • Verbesserung der gesundheitlichen Bedingungen im Unternehmen
  • Verringerung von Belastungen
  • Verbesserung der Lebensqualität
  • Erhalt beziehungsweise Zunahme der eigenen Leistungsfähigkeit
  • Erhöhung der Arbeitszufriedenheit und Verbesserung des Betriebsklimas
  • Mitgestaltung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsabläufe
     

(Quelle: Bundesministerium für Gesundheit: Betriebliche Gesundheitsförderung, www.bmg.bund.de, Stand: April 2014)

Nur 20 Prozent der Unternehmen beteiligen sich an einer systematischen betrieblichen Gesundheitsförderung, obwohl es in ihrem eigenen Interesse liegt, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu fördern. Ein Grund hierfür könnte sein, dass es schwierig ist, eine transparente Kosten-Nutzen-Rechnung für entsprechende Maßnahmen zu erstellen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund weist darauf hin, dass Personalabbau und Arbeitsverdichtung eine der Hauptursachen für steigende krankheitsbedingte Fehlzeiten seien. Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert daher eine gründliche Analyse der Krankheitsursachen als Voraussetzung für eine wirksame betriebliche Gesundheitsförderung.

(Quellen: Felix Burda Stiftung: Vorteil Vorsorge, 2011; Deutscher Gewerkschaftsbund: Gesundheitsförderung in Zeiten der Arbeitsverdichtung, Beamtenmagazin 1/2012, www.dgb.de, Stand: April 2014)

Setting-Ansatz: Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung in der Schule

Die Schule ist einer der wichtigsten Ansatzpunkte für Präventionsmaßnahmen, weil hier Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Schichten erreicht werden können. Darüber hinaus hat das Einüben von gesundheitsfördernden Verhaltensweisen im frühen Alter die nachhaltigsten Wirkungen. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation zum Gesundheitsverhalten von Kindern im schulpflichtigen Alter sinken im Laufe der Pubertät die körperliche Gesundheit und das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen. Neben gesundheitsbeeinträchtigenden Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholkonsum und ungesunder Ernährung spielen hierbei auch psychosoziale Faktoren wie Stress und Leistungsdruck oder depressive Stimmungen eine Rolle. (Quelle: Weltgesundheitsorganisation: Gesundheitsverhalten von Kindern im schulpflichtigen Alter, 2012)

Umfragen der Leuphana Universität Lüneburg haben ergeben, dass jeder dritte Schüler in Deutschland unter regelmäßig wiederkehrenden Stress-Symptomen leidet. 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben mehrmals in der Woche psychosomatische Beschwerden. Jeder zweite Betroffene leidet unter Prüfungsangst, Leistungsdruck oder Schulunlust. Diese Symptome werden offenbar durch ein schlechtes Klassenklima und Stress verstärkt und treten häufiger in Hauptschulen auf als in Gymnasien. (Quelle: Leuphana Universität Lüneburg: Hintergrundinformationen zur Studie „Subjektive Gesundheitsbeschwerden von Schülern“, 2010, www.dak.de)

Um die körperliche und psychische Gesundheit der Schülerinnen und Schüler zu stärken, haben Schulen vielfältige Konzepte entwickelt:

  • Gesundheitserziehung zu Ernährung und Bewegung
  • Stärkung der Stressbewältigungskompetenz und Sozialkompetenz
  • Verbesserung der Identifikation mit der Schule
  • Schaffung einer Atmosphäre der gegenseitigen Wertschätzung
  • Erhöhung der Mitbestimmungsrate
  • Räumliche Gestaltung der Schule, beispielsweise durch Ruhezonen und Entspannungszonen und bewegungsfördernde Konzepte
  • Konfliktbewältigungskompetenzen wie Mediatoren oder Anti-Mobbing-Programme
     

Setting-Ansatz: Staatliche Gesundheitsförderung

Der Staat schafft Rahmenbedingungen für gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen und Lebensumstände, durch Regelungen zum Arbeitsschutz, durch Wissensvermittlung, aber auch durch sozialpolitische Maßnahmen. Dabei liegt die Zuständigkeit für die Präventionspolitik nicht allein im Gesundheitswesen, sondern auch in der Sozialpolitik.

Gesundheit und sozioökonomischer Status

Nach einer Studie des Robert Koch Instituts liegt „in den sozialen Lebensverhältnissen eine der wichtigsten gesundheitlichen Einflussgrößen überhaupt“. Menschen mit geringem sozioökonomischen Status schneiden bei der gesundheitsbezogenen Lebensqualität statistisch gesehen deutlich schlechter ab. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Lebenslagen ließen sich laut Studie die Einflussfaktoren nicht in einem standardisierten Index wiedergeben. Allerdings deute vieles darauf hin, dass in dieser Bevölkerungsgruppe mangelnde berufliche und gesellschaftliche Anerkennung, finanzielle Sorgen, teilweise körperlich schwere Arbeit und eine geringere Fähigkeit, Gesundheitsprobleme zu bewältigen, häufiger anzutreffen sind. Es gibt also einen engen Zusammenhang zwischen der Herstellung von Chancengleichheit, der Armutsbekämpfung und der Gesundheitsprävention. (Quelle: Robert Koch Institut: Die Gesundheit von Erwachsenen in Deutschland, 2012)

Überblick: Ziele und Handlungsfelder der Gesundheitsprävention

Primarprävention

  • Früherkennung von Krankheiten
  • Vermeidung von Mangelernährung und Fehlernährung, Vermeidung und Reduktion von Übergewicht
  • Suchtprophylaxe
  • dichtes Netzwerk der Gesundheitsversorgung durch Arztpraxen und Krankenhäuser
     

Individueller Ansatz

  • Wissensvermittlung und Gesundheitserziehung: Verbesserung des individuellen Gesundheitsverhalten durch Bewegung und Ernährung
  • Förderung von Stressbewältigungskompetenzen
     

Setting-Ansatz: betriebliche, staatliche und schulische Gesundheitsförderung

  • Verringerung der Risikofaktoren und Belastungen
  • Herstellung von Chancengleichheit, Ermöglichung der Teilhabe aller Bevölkerungsschichten
  • Entwicklung einer gesundheitsfördernden städtebaulichen Infrastruktur
  • Technischer, medizinischer und sozialer Arbeitsschutz
  • Gesundheitsgerechte Verpflegung am Arbeitsplatz und in öffentlichen Einrichtungen
  • Stressreduzierung
  • gesundheitsförderndes Arbeitsklima, Verbesserung der Sozialbeziehungen
  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • Verfahren und Regelungen zur Schaffung gesünderer Arbeitsbedingungen, zum Beispiel in den Bereichen Arbeitsorganisation und Arbeitszeiten
     

Volkswirtschaftliche Ziele der Gesundheitsförderung

Die Gesundheitsausgaben je Einwohner überstiegen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2012 erstmals den Wert von 300 Milliarden Euro. Auf jeden Einwohner entfielen somit rund 3.740 Euro, im Jahr 2000 waren es noch 2.590 Euro. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt lag 2012 bei 11,3 Prozent, im Jahr 2000 waren es 10,4 Prozent. Gesundheitsförderung kann dazu beitragen, den Anteil der Gesundheitsausgaben zu senken. (Quelle: Statistisches Bundesamt: Gesundheitsausgaben, www.destatis.de, Stand: April 2014)

Weiteres Einsparpotential gibt es bei den sozialen Sicherungssystemen: Etwa 50 Prozent der über 50-Jährigen leidet an mindestens einer, oft auch an mehreren chronischen Erkrankungen. Diese sind ein häufiger Grund für ein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Maßnahmen zum Erhalt oder zur Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit bis zur Rente können die sozialen Sicherungssysteme entlasten. (Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Arbeitsmedizin. Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit, 2013)

Ein weiteres Ziel der Gesundheitsförderung liegt in der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft in einem globalisierten Arbeitsmarkt. Im Wettbewerb um die besten Köpfe sind eine gute Gesundheitsversorgung sowie gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen und Lebensumstände ein Standortvorteil für die Gewinnung hochqualifizierter Fachkräfte und Führungskräfte.

Gesetzliche Grundlagen und Kosten der Gesundheitsprävention

In Deutschland beruht die Gesundheitsförderung auf verschiedenen Rechtsgrundlagen. Zu den Wichtigsten gehören:

  • Gesetzliche Krankenversicherung
    Fünftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB V), Paragraf 20: Prävention und Selbsthilfe, Betriebliche Gesundheitsförderung, Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren, Förderung der Selbsthilfe
  • Gesetzliche Unfallversicherung
    Siebtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VII), Paragraf 14: Präventionsaufgabe der Unfallkasse
  • Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen
    Neuntes Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX), Paragraf 84 Absatz 2: Betriebliches Eingliederungsmanagement
  • Arbeitsschutzgesetz: Organisation des Arbeitsschutzes im Betrieb
  • Arbeitssicherheitsgesetz: Gesetz über Betriebsärzte, Sicherheitsingenieure und andere Fachkräfte für Arbeitssicherheit
  • Arbeitszeitgesetz: Begrenzung der höchstzulässigen Arbeitszeit, Regelung von Mindestruhepausen, Sonntagsarbeit und Feiertagsarbeit sowie Nachtarbeit und Schichtarbeit.
     

Die öffentlichen Ausgaben für Prävention und Gesundheitsschutz beliefen sich im Jahr 2012 insgesamt auf 10,8 Milliarden Euro. Diese verteilten sich auf unterschiedliche Kostenträger mit verschiedenen Zuständigkeiten:

  • Öffentliche Haushalte: 2 Millionen Euro, Schwerpunkt: allgemeiner Gesundheitsschutz
  • Gesetzliche Krankenversicherung: 4,8 Milliarden Euro, Schwerpunkt: Früherkennung und Gesundheitsförderung
  • Soziale Pflegeversicherung: 300 Millionen Euro für Gutachten und Koordination
  • Gesetzliche Rentenversicherung: 200 Millionen Euro für Gesundheitsförderung, Gutachten und Koordination
  • Gesetzliche Unfallversicherung: 1,1 Milliarden Euro für den allgemeinen Gesundheitsschutz
  • Private Krankenversicherungen, Arbeitgeber und private Träger: 200 Millionen Euro
     

(Quelle: Statistisches Bundesamt: Gesundheit. Ausgaben 2012, April 2014)

Technischer, medizinischer und sozialer Arbeitsschutz

Ziel des Arbeitsschutzes sind sichere und menschengerechte Arbeitsbedingungen. Diese sollen Beschäftigte vor Gefahren und Arbeitsunfällen sowie gesundheitlichen Schädigungen schützen. Auch im Arbeitsschutz sind Präventionsmaßnahmen, die Erkrankungen und Unfällen vorbeugen, ein wichtiger Schwerpunkt. Die Regierung schafft hierfür gesetzliche Grundlagen, die den Arbeitgeber verpflichten, Maßnahmen gegen Gesundheitsgefährdungen zu ergreifen. Der Staat fördert darüber hinaus auch Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung und zum Erhalt oder zur Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit. Ziel der Maßnahmen ist es, die Menschen am Arbeitsplatz zu schützen, die Zahl der Erwerbsunfähigen zu mindern, Gesundheitskosten zu senken und somit durch leistungsstärkere Mitarbeiter die Wirtschaftskraft zu stärken.

Technischer Arbeitsschutz

Zum technischen Arbeitsschutz gehören alle Bereiche, die die Sicherheit der Beschäftigten berühren. Hierzu zählen sichere Arbeitsstätten, eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, Lärmschutz und Vibrationsschutz, Sicherheitsvorkehrungen im Umgang mit Gefahrenstoffen, Sicherheitsbestimmungen für Gebäude, Ablagen und Arbeitsmittel, aber auch Regelungen zur Produktsicherheit.

Arbeitsmedizinische Vorsorge

Die arbeitsmedizinische Vorsorge dient der Verhütung und Erkennung von arbeitsbedingten Erkrankungen und dem Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit der Menschen. Arbeitnehmer werden über Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz aufgeklärt und haben einen Anspruch darauf, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Bei besonders gefährdenden Tätigkeiten ist eine regelmäßige arbeitsmedizinische Untersuchung sogar vorgeschrieben. Arbeitgeber sind verpflichtet dieses Vorsorgeangebot sicherzustellen und die medizinischen Erkenntnisse auszuwerten.

Sozialer Arbeitsschutz

Der soziale Arbeitsschutz umfasst Schutzrechte besonders schutzbedürftiger Arbeitnehmergruppen. Hierzu gehören der Jugendarbeitsschutz, der Mutterschutz sowie die Rehabilitation und Teilhabe von behinderten Menschen, die im Sozialgesetzbuch geregelt sind. Im Arbeitszeitgesetz sind die höchstzulässigen Arbeitszeiten festgelegt.

Informationen zum Arbeitsschutz finden Sie auch im Kapitel Unfallversicherung und unter Hintergrund: Unfallversicherung.

Gesundheitsprävention und psychische Gesundheit

Stressbelastung der deutschen Bevölkerung

Psychosoziale und stressbedingte Erkrankungen, zum Beispiel das so genannte Burn-Out-Syndrom, sind in den vergangenen Jahren verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Diagnosen im Bereich psychischer Erkrankungen wie auch die Arbeitsunfähigkeitstage sind in den letzten 15 Jahren deutlich gestiegen. Ob dies allein auf eine Zunahme der Erkrankungen beruht oder auf einer gesteigerten gesellschaftlichen Akzeptanz, bei der ehemalig verdeckte Fälle häufiger dokumentiert werden, wird kontrovers diskutiert.

Nach Angaben des Stressreports der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin waren psychische Störungen für mehr als 53 Millionen Krankheitstage im Jahr 2012 verantwortlich, im Jahr 2001 waren es lediglich 33,6 Millionen. Psychische Erkrankungen sind inzwischen für 41 Prozent der Frühverrentungen verantwortlich, die Betroffenen sind im Durchschnitt 48 Jahre alt. Der größte Stressfaktor ist laut Stressreport das Multitasking, also die gleichzeitige Erledigung verschiedenartiger Arbeiten. Darauf folgen starker Termindruck und Leistungsdruck, ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge, Störungen bei der Arbeit und der Druck, schnell arbeiten zu müssen. Zusammenfassend klagen die meisten Betroffenen über die Arbeitsverdichtung, also die Notwendigkeit, immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit erledigen zu müssen. (Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Stressreport Deutschland 2012)

Die Stressbelastung ist im mittleren Alter am höchsten: 80 Prozent der 36- bis 45-Jährigen berichten davon, häufig bis manchmal gestresst zu sein. Von einer Zunahme der Stressfaktoren berichten vor allem jüngere Menschen: 93 Prozent der 18- bis 25-Jährigen stimmen der Aussage zu, dass ihr Leben in den letzten Jahren stressiger geworden ist, bei den 46- bis 55-Jährigen sind es 55 Prozent. Den Angaben zufolge sind Beruf, Schule und Studium mit 47 Prozent die größten Stressfaktoren, gefolgt von den eigenen hohen Anforderungen mit 41 Prozent und familiären Konflikten mit 34 Prozent. 27 Prozent der Befragten berichten über finanzielle Sorgen. (Quelle: Techniker Krankenkasse: Bleib locker, Deutschland! TK-Studie zur Stresslage der Nation, 2013)

Diese Erhebungen legen nahe, den Zusammenhang zwischen Arbeitswelt und Stress näher zu untersuchen. Die Bundesregierung hat deshalb psychische Gesundheit am Arbeitsplatz zu einem Schwerpunktthema für die kommende Legislaturperiode gemacht.

Die Folgen von Stress

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Stress unterscheiden sich stark nach Branchen und Arbeitsgebieten. Sie müssen auch in Hinblick auf andere Faktoren wie Alter, Geschlecht, Vorbelastungen oder Lebensweise differenziert betrachtet werden. Auffällig ist, dass erheblich mehr gestresste Menschen über Muskelverspannungen und Rückenschmerzen klagen als Menschen mit niedrigem Stresslevel. Fast ein Drittel der Menschen in Deutschland findet laut Stressreport abends nicht in den Schlaf oder liegt nachts wach. Das Gefühl, völlig erschöpft, viel zu gestresst und regelrecht ausgebrannt zu sein, haben drei von zehn Menschen.

Strategien und Maßnahmen zur Stressbewältigung

Der Stressreport nennt Faktoren, die zur Stressbewältigung beitragen. Hierzu zählen:

  • eine gute Zusammenarbeit mit Kollegen
  • das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein
  • Selbstbestimmung, Selbstorganisation und ein größerer Handlungsspielraum, wie eigenständige Arbeitsplanung, und eigene Arbeitszeitgestaltung
     

Aus diesem Befund lassen sich konkrete Handlungsfelder für den Arbeitsschutz beziehungsweise die betriebliche und schulische Gesundheitsförderung ableiten. Sinnvolle Maßnahmen sind demnach Anti-Mobbing-Programme, Instrumente zur Erhöhung der gegenseitigen Wertschätzung, flexible Arbeitszeitmodelle und eine höhere betriebliche Mitbestimmung. Die Verhaltensprävention will die Fähigkeit der Beschäftigten zur Stressbewältigung verbessern. Dies kann vor allem durch Gesundheitserziehung und Trainingsprogramme gelingen, zum Beispiel in Schulen oder Unternehmen sowie durch Angebote der Krankenkassen.

Informationen zu den veränderten Herausforderungen in der Arbeitswelt finden Sie auch im Kapitel Berufsorientierung und unter Hintergrund: Berufsorientierung.

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