Hintergrund: Berufsorientierung

Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich gut, die Zahl der Erwerbstätigen befindet sich auf einem Höchststand. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung steigt auch der Fachkräftebedarf. Auf dem Ausbildungsmarkt nehmen jedoch die Passungsprobleme zu: Im Jahr 2016 blieben viele betriebliche Ausbildungsplätze unbesetzt, gleichzeitig waren viele Jugendliche bei ihrer Ausbildungsplatzsuche erfolglos. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge fiel sogar auf einen historischen Tiefstand, den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung. (Quellen: Bundesagentur für Arbeit und Bundesinstitut für Berufsbildung, Stand Juni 2017)

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht verändert. Berufe in der industriellen Herstellung und in der Landwirtschaft sind immer weniger gefragt. Dagegen ist der Bedarf an hoch qualifizierten Fachkräften im Dienstleistungssektor und in MINT-Berufen gestiegen und wächst weiter. (Die Abkürzung MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.) Auch die Art der Arbeitsverhältnisse verändert sich, weg von Vollzeitbeschäftigungen mit geregelten Arbeitszeiten und hin zu flexiblen Modellen mit Teilzeitarbeit, flexiblen Arbeitszeiten oder Homeoffice-Tätigkeiten.

Durch die Globalisierung steht Deutschland mit vielen Ländern im Wettbewerb und konkurriert mit ihnen um weltweite Absatzmärkte. Auch die Finanzkrise von 2009 hat ihre Spuren hinterlassen: In einigen europäischen Ländern ist die Arbeitslosigkeit hoch, viele Arbeitnehmer suchen in anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union eine Beschäftigung. Wichtig ist eine erfolgreiche berufliche Integration der Zuwanderer sowie der Geflüchteten, die seit 2015 verstärkt in die Länder der Europäischen Union kommen. Die weitere große Herausforderung ist der drohende Fachkräftemangel: Die geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1967 gehen bald in Rente, zu wenig junge Arbeitnehmer rücken nach.

Schülerinnen, Schüler und Auszubildende müssen diese Entwicklungen im Blick behalten. Ein guter Start in eine erfolgreiche Berufsbiografie setzt nach wie vor eine qualifizierte Ausbildung voraus. Wer keinen Ausbildungsabschluss hat, ist auf dem Arbeitsmarkt weiterhin besonders gefährdet, keine Arbeit zu finden.

Der Übergang zu engagierten Wissenden und Dienstleistern

Noch bis vor etwa 50 Jahren waren die meisten Berufstätigen Arbeiter in Fabriken oder Handwerker, waren in der Landwirtschaft oder im Bergbau tätig. In den 1970er-Jahren erreichte diese Form ihren Höhepunkt und ein bedeutender Wandel setzte ein: Neue Technologien in den Bereichen Information und Kommunikation sowie das Fortschreiten der Globalisierung ordneten die Arbeitswelt neu, hin zu einer Wissensgesellschaft. Industriearbeit und einfachere Tätigkeiten wurden von Dienstleistungstätigkeiten und qualifizierten Tätigkeiten verdrängt.

Die neue Arbeitswelt verlangt von den künftigen Arbeitnehmern neben vielseitigen Qualifikationen auch mehr soziale Kompetenzen. Orientierungsfähigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Fähigkeit zur Teamarbeit und Leistungsbereitschaft, daran werden Beschäftige heute mehr denn je gemessen. Wer also nicht flexibel und lernbereit ist, wer sich nicht selbst organisieren oder vermarkten kann, der hat es heute schwer in der Arbeitswelt.

Arbeitsformen und Arbeitsmodelle

Noch Anfang der 1990er-Jahre waren Vollzeitarbeitsverhältnisse die Regel. Knapp 70 Prozent der Erwerbstätigen waren Vollzeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Gut zehn Jahre später war die Zahl auf rund 60 Prozent gesunken. Von 100 Beschäftigten hatten 16 eine unbefristete Teilzeitstelle, zehn waren selbstständig, 14 waren befristet oder geringfügig beschäftigt (Quelle: Roman Herzog Institut: Die Zukunft der Arbeit, 2009). Der klassische Vollzeitjob wird seitdem immer seltener. Das Arbeitsleben ist geprägt von häufigen Brüchen und wechselnden Arbeitsformen wie Praktika, Arbeitsplatzwechsel, Teilzeitarbeit, Selbstständigkeit, Elternzeit, Pflegezeit und geringfügiger Beschäftigung.

In Zukunft wird es in der Arbeitswelt vor allem um eines gehen: Flexibilität. Diese müssen sowohl Arbeitnehmer als auch Unternehmen zeigen. Beide können davon profitieren, für beide birgt diese aber auch Risiken.

Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, sind Unternehmen auf eine gewisse Flexibilität angewiesen, beispielsweise wenn die Auftragslage schwankt. So baute die Automobilindustrie in der schweren Zeit der Finanzkrise Überstunden ab und führte Kurzarbeit ein. Auf diese Weise konnte der Nachfragerückgang zunächst abgefedert werden, ohne dass Beschäftigte entlassen werden mussten.

Auf der anderen Seite können auch Arbeitnehmer von flexiblen Arbeitsverhältnissen profitieren. Sie können sich stärker weiterbilden, eine zweite Ausbildung machen, eine Zeit lang als Selbstständige arbeiten oder eine Auszeit nehmen. Auch Familie und Beruf können besser unter einen Hut gebracht werden. Frauen sind heute nicht nur qualifizierter ausgebildet als früher, sie geben ihren Beruf auch nicht mehr so schnell auf. Sie unterbrechen ihn für kurze Zeit, arbeiten in Teilzeit oder anderen Modellen, mit denen sie die Erwerbsarbeit und Familienzeit flexibel gestalten können.

In Zukunft wird es immer mehr auf Ergebnisse anstatt auf Zeiten ankommen. Dabei werden Stechuhr und feste Altersgrenzen im Berufsalltag keinen Platz mehr haben. Nicht wann oder wo ein Arbeitnehmer seine Aufgaben erledigt, ist dann von Bedeutung, sondern allein die von ihm erbrachte Leistung. Bei der Telearbeit oder im sogenannten Homeoffice verrichten Beschäftigte zumindest einen Teil ihrer Arbeit außerhalb des Unternehmens. Die Arbeitsergebnisse werden dabei digital über das Internet übermittelt. Einige Unternehmen bieten schon heute ihren Mitarbeitern an, ihre Wochenarbeitszeit immer neu an deren momentanen Bedürfnisse anzupassen. Dabei können Arbeitsstunden auf Arbeitszeitkonten eingezahlt und zu einem späteren Zeitpunkt abgerufen werden.

Weitere Informationen erhalten Sie in den Hintergrundinformationen zum Thema Arbeitswelt im Wandel.

Risiken der Flexibilität

Flexibilität und Individualität bergen aber auch Risiken. Arbeitnehmer sind selbst für die Einteilung ihrer Zeit verantwortlich, das erfordert oft eine zeitintensive Koordination. Es kann dazu führen, dass eine Trennung zwischen Beruf und Freizeit immer schwieriger wird. Doch genau diese ist nötig, wie der DAK-Gesundheitsreport 2017 zeigt. Demnach hat sich die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen in den Jahren 1997 bis 2016 mehr als verdreifacht. Psychische Erkrankungen waren Ursache für rund 17 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage im Jahr 2016.

Beunruhigend ist die zunehmende Zahl von Beschäftigten, die an Schlafstörungen leiden. 3,7 Prozent der Erwerbstätigen melden sich pro Jahr wegen einer Schlafstörung krank. 8,5 Prozent der Erwerbstätigen haben in den letzten 3 Monaten ein Schlafmittel genommen. Belastende Arbeitsbedingungen wie Zeitdruck, Arbeiten an der Grenze der Leistungsfähigkeit, Überstunden und Nachtschichtarbeit fördern die Verbreitung von Schlafstörungen. Die Gestaltung günstiger Arbeitsbedingungen kann daher helfen, das Risiko von Schlafstörungen für Erwerbstätige senken.

Flexible Arbeitsmodelle führen zudem oft dazu, dass für eine gewisse Zeitspanne kein oder nur wenig Geld in die Sozialversicherung eingezahlt wird. Das belastet die Sozialkassen und macht eine private Vorsorge immer notwendiger. Wer nicht dauerhaft sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, muss sich noch viel stärker um seine finanzielle Absicherung im Alter kümmern.

Weitere Informationen erhalten sie auf dem Arbeitsblatt und Schaubild zum Thema Arbeit und psychische Gesundheit.

Globale Arbeitswelt und demografischer Wandel

Der demografische Wandel beeinflusst den deutschen Arbeitsmarkt zunehmend. Ende der 2020er-Jahre wird fast ein Fünftel der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 60 und 67 Jahre alt sein. Der Einfluss des Geburtenrückgangs auf das Arbeitsangebot konnte bislang weitgehend durch eine steigende Erwerbsbeteiligung ausgeglichen werden, vor allem bei Frauen und Älteren. Künftig wird dieser Ausgleich jedoch nicht mehr im selben Umfang stattfinden können, da die geburtenstarken Jahrgänge bis Mitte der 2030er-Jahre schrittweise in Rente gehen werden. Es zeichnen sich zunehmende Fachkräfteengpässe in einzelnen Berufen und Regionen ab.

Fachkräfteengpässe können unter anderem durch die Zuwanderung von Arbeitskräften ausgeglichen werden. Im Jahr 2015 erreichte die Nettozuwanderung, also die Differenz aus Zuzügen und Fortzügen, mit 1,535 Millionen Menschen einen historischen Höchststand. Im Jahr 2016 lag sie bei 482.300 Menschen. Die aktuelle Einwanderung nach Deutschland ist stark von Fluchtmigration geprägt. Mehr als die Hälfte der 2015 zugewanderten Geflüchteten ist unter 25 Jahre alt, wodurch sich die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter erhöht hat. Die Integration der Geflüchteten in das Bildungssystem und in den Arbeitsmarkt ist eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre.

Die Einbindung der deutschen Volkswirtschaft in den Welthandel hat sich weiter verstärkt. Zu Beginn der 1990er-Jahre lag der Offenheitsgrad Deutschlands, das heißt der Anteil der Summe aus Ein- und Ausfuhren am Bruttoinlandsprodukt, bei rund 40 Prozent. In den darauffolgenden 25 Jahren verdoppelte er sich auf zuletzt 86 Prozent. Im Ranking der Global Connectedness des McKinsey Global Institute erreicht Deutschland sogar den Spitzenplatz, noch vor Hongkong und den USA. Das Ranking bewertet die globale Vernetzung eines Landes, die sich im weltweiten Handel, grenzüberschreitenden Finanztransaktionen, internationalen Daten- und Kommunikationsströmen sowie Wanderungsbewegungen zeigt. (Quellen: Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Weißbuch Arbeiten 4.0, März 2017; Statistisches Bundesamt: Migration und Integration, www.destatis.de, Stand August 2017)

Weiterführende Informationen erhalten Sie im Arbeitsheft Grundwissen Soziale Globalisierung.

Berufseinsteiger auf dem internationalen Arbeitsmarkt

Für Berufseinsteiger bietet die Globalisierung viele Chancen und Möglichkeiten. Im Jahr 2011 wurde das Berufsbildungsgesetz reformiert. Seitdem haben Auszubildende das Recht, einen Teil ihrer Ausbildung in einem anderen Land zu absolvieren, um sich auf den internationalen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Ein Auslandsaufenthalt verbessert die eigenen Sprachkenntnisse, erhöht die Teamfähigkeit und schult den Umgang mit anderen Kulturen. Wer in seinem Lebenslauf einen Auslandsaufenthalt nachweisen kann, hat bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Die Europäische Union fördert seit Jahren unterschiedliche Austauschprogramme und Bildungskooperationen. Auch die Anerkennung und Angleichung von Abschlüssen wird vorangetrieben und als zukunftsorientiertes Thema auf internationaler Ebene diskutiert.

Weitere Informationen finden Sie auf dem Arbeitsblatt Lernen und Arbeiten in Europa sowie auf dem dem Schaubild EU-Förderprogramm Erasmus+.

Fachkräftesicherung

Im Jahr 2011 hat die Bundesregierung ein Fachkräftekonzept beschlossen. Es legt konkrete Maßnahmen der Fachkräftesicherung für die nächsten Jahre fest. Zu den Zielen des Konzepts gehören

  • eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um den Anteil berufstätiger Frauen anzuheben,
  • eine höhere Beschäftigung von älteren Arbeitnehmern und Menschen mit Behinderung,
  • eine stärkere Förderung der schulischen und beruflichen Bildung,
  • eine verbesserte Integration von Arbeitnehmern mit Migrationshintergrund sowie
  • eine qualifizierte Zuwanderung ausländischer Fachkräfte in den deutschen Arbeitsmarkt.
     

Anhand regelmäßiger Fortschrittsberichte überprüft die Bundesregierung den Erfolg der Maßnahmen. Der Fortschrittsbericht 2017 kommt unter anderem zu folgenden Ergebnissen:

Die Konjunktur in Deutschland wurde in den Jahren 2012 und 2013 von einem schwierigen weltwirtschaftlichen Umfeld und der Eurokrise geprägt. Nach 2013 verbesserte sich die konjunkturelle Lage wieder. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland hält seitdem ungebrochen an, im Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 1,9 Prozent. Auch der Arbeitsmarkt entwickelt sich seitdem sehr günstig: Seit der Verabschiedung des Fachkräftekonzepts im Jahr 2011 hat sich die Zahl der Erwerbstätigen jedes Jahr erhöht. Im Jahr 2016 waren 43,6 Millionen Menschen erwerbstätig, das sind 2 Millionen Erwerbstätige mehr als 2011.

Von dieser Entwicklung haben insbesondere Frauen und Ältere profitiert: Der Anteil der Erwerbstätigen in der Altersgruppe von 55 bis 64 Jahre ist seit 2000 stetig gestiegen und wuchs im Jahr 2016 auf 68,6 Prozent. Der Anteil erwerbstätiger Frauen nimmt ebenfalls stetig zu: Die Frauenerwerbstätigenquote ist von 71,1 Prozent im Jahr 2011 auf 74,5 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. Die Zunahme der Erwerbstätigkeit bei den Frauen findet jedoch weiterhin zu einem großen Teil in Teilzeitarbeit statt. Daher ist die Anzahl der Teilzeitbeschäftigungen in den letzten Jahren prozentual stärker gewachsen als die Anzahl der Beschäftigungsverhältnisse in Vollzeit.

Bei den Bildungszielen zeigen sich Fortschritte: Die Quote der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss sank von 7,5 Prozent im Jahr 2008 auf 5,9 Prozent im Jahr 2016. Allerdings ist die Quote seit 2012 relativ konstant. Auch gab es beim Anteil der ausländischen Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss kaum Fortschritte. Weiterer Handlungsbedarf besteht laut Fortschrittsbericht hinsichtlich der Weiterbildung Geringqualifizierter, der Arbeitsmarktintegration von Personen mit Migrationshintergrund und der Reduzierung der Langzeitarbeitslosigkeit.

Trotz der erzielten Fortschritte des Fachkräftekonzepts hat sich die Engpasslage auf dem deutschen Arbeitsmarkt noch nicht verbessert. Nach wie vor sind Fachkräfte vor allem in den Gesundheits­ und Pflegeberufen sowie den technischen Berufen knapp. Die angestoßenen Maßnahmen, beispielsweise zur Steigerung der Attraktivität von Engpassberufen hinsichtlich Ausbildung und Arbeitsbedingungen, werden ihre Wirkung allerdings voraussichtlich erst in den nächsten Jahren voll entfalten.

Weitere Informationen erhalten Sie unter www.fachkraefte-offensive.de.

Allianz für Aus- und Weiterbildung

Die Allianz für Aus- und Weiterbildung hat sich das Ziel gesetzt, die berufliche Bildung zu stärken. Sie wurde im Dezember 2014 von der Bundesregierung, Spitzenverbänden der Wirtschaft, Gewerkschaften, den Bundesländern und der Bundesagentur für Arbeit geschlossen. Damit löste sie den vorherigen Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs ab.

Die Wirtschaft hat zugesagt, jedem vermittlungsbereiten Jugendlichen, der bis zum 30. September noch keinen Platz gefunden hat, drei Angebote für eine betriebliche Ausbildung zu machen. Zusätzlich will sie jährlich 500.000 Praktikumsplätze für Schülerinnen und Schüler in der Berufsorientierung bereitstellen. Die Initiative läuft bis Ende 2018.

Weitere Informationen erhalten Sie beim Bundesministerium für Bildung und Forschung.

 

Stand Juni 2017

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