Hintergrund: Armut und Reichtum

In einer Umfrage des Kulturmagazins Stadtzauber wurden Menschen nach ihrer Definition von Armut gefragt. „Arm ist, wer sich die Grundbedürfnisse Gesundheit, Essen, Wohnen und Bildung nicht selbstverständlich leisten kann“, heißt es dort zum Beispiel. Oder: „Armut ist, wenn man mit den vorhandenen Mitteln nicht mehr den Alltag gestalten kann oder eine andere extreme Art der Armut ist, wenn man keine Freunde hat.“ (Quelle: www.stadtzauber.de, Straßenumfrage im November 2011, Stand Juni 2017)

Eine andere Person meint: „Arm ist, wenn ein Mensch keinen Zugang zu seiner eigenen Kultur bekommt." Die Einträge machen deutlich, dass es nicht nur eine Perspektive auf Armut gibt. Sie zeigen auch die Schwierigkeit, Armut als soziales, gesellschaftliches, wirtschaftliches und psychologisches Problem objektiv zu beschreiben.

Dennoch ist eine Definition von Armut notwendig, um eine gesellschaftspolitische Debatte führen und politische Entscheidungen treffen zu können. Für Erhebungen und Vergleiche von wirtschaftlicher Armut wird deshalb zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden. Schwieriger ist es, die soziokulturelle Armut zu erfassen. Diese bezieht sich auf den Grad der Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihres sozialen Status und nicht allein auf ihre materielle Situation.

Absolute Armut

Die Weltbank spricht von absoluter oder extremer Armut, wenn das Einkommen die Grenze von 1,90 US-Dollar pro Tag nicht übersteigt. Das entspricht etwa 1,20 Euro (Stand September 2017). Als Indikator für typische Armut in Ländern mit mittleren Einkommen verwendet die Weltbank den sogenannten PPP Dollar. PPP steht für den englischen Begriff purchasing power parity Dollar. Der PPP Dollar wird um die Inflation und Kaufkraftunterschiede bereinigt und nach einem durchschnittlichen Warenkorb des Landes berechnet.

Absolute Armut ist ein Leben am äußersten Rand der Existenz. Sie ist gekennzeichnet durch große Entbehrungen der Grundbedürfnisse und einem permanenten Kampf ums Überleben. Nach Berechnungen der Weltbank lebten im Jahr 2015 weltweit ungefähr 700 Millionen Menschen in absoluter Armut, also von weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag. In Deutschland ist absolute Armut aufgrund der sozialen Sicherungssysteme nicht weit verbreitet. Dennoch gibt es absolut Arme in Deutschland. Meist handelt es sich hierbei um Obdachlose und Straßenkinder, die wegen ihrer familiären Situation oder Suchtproblemen ohne feste Wohnung und Einkommen sind.

Relative Armut und soziokulturelle Armut

Der Begriff der relativen Armut beschreibt eine Unterversorgung mit materiellen und immateriellen Gütern im Verhältnis zum Wohlstand der jeweiligen Gesellschaft. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sind Menschen von relativer Armut betroffen, wenn ihnen monatlich weniger als die Hälfte oder 60 Prozent des mittleren Einkommens im Heimatland zur Verfügung steht. Diese Definition dient in erster Linie einer statistischen Erfassung von Armut. Die Bedingungen eines Lebens in Armut sind aber erheblich vielschichtiger. So bezeichnet die soziokulturelle Armut die gesellschaftliche Ausgrenzung, das Gefühl der Ausweglosigkeit der Betroffenen und die ungleiche Verteilung von Chancen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Von dieser soziokulturellen Armut sind in Deutschland beispielsweise Menschen mit Migrationshintergrund, bildungsferne Schichten oder Langzeitarbeitslose stärker betroffen als Studierende oder Künstler. Letztere verfügen zwar oft über ein vergleichbar niedriges Einkommen, haben aber durchaus eine optimistische Sicht auf ihre Lebensumstände. Ausschlaggebend für die soziokulturelle Armut sind daher die individuelle und die gesellschaftliche Einschätzung der jeweiligen Lebenslage. Beengte Wohnumstände, ein Ausschluss von Freizeitaktivitäten und unzureichende Bildung werden hierbei als schwerwiegende Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentfaltung wahrgenommen.

Ob die soziokulturelle Benachteiligung eine Folge der materiellen Not ist, oder ob die wirtschaftliche Armut eine Folge von soziokulturellen Faktoren ist, darüber wird kontrovers diskutiert. In der Regel geht man davon aus, dass sich beides gegenseitig bedingt. In der Mediendebatte hingegen lässt sich eine Tendenz beobachten, Armut als eine Folge von spezifischen Verhaltensweisen einer sogenannten Unterschichtenkultur zu beschreiben. Insofern spielen die Massenmedien eine wichtige Rolle beim Aufbau beziehungsweise Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen, die von Armut betroffen sind.

Armut und Reichtum in Deutschland

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2015 16,7 Prozent der Menschen in Deutschland von Armut bedroht. Armutsgefährdet ist, wer mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens der Bevölkerung auskommen muss.

Alleinlebende sind armutsgefährdet, wenn sie weniger als 1.033 Euro im Monat zum Leben haben. Die Armutsgefährdungsgrenze für Familien mit zwei Kindern liegt bei 2.170 Euro im Monat.

Die Studie Leben in Europa des Statistischen Bundesamtes gibt Auskunft über die Armutsgefährdung verschiedener Bevölkerungsgruppen im Jahr 2015. Demnach lag die Armutsgefährdungsquote für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren mit 16,7 Prozent genauso hoch wie die Quote für die Gesamtbevölkerung. Besonders hoch ist die Armutsgefährdung bei Alleinerziehenden mit 33,7 Prozent. Am stärksten waren Arbeitslose armutsgefährdet, ihre Quote lag bei 69,0 Prozent. Aber auch Menschen in Arbeit waren betroffen: Im Jahr 2015 waren 9,7 Prozent der Erwerbstätigen armutsgefährdet. Ruheständler lagen mit 17,0 Prozent knapp über dem Durchschnittswert für Deutschland.

Kinderarmut in Deutschland

Für Kinder sind die Konsequenzen der Armut besonders gravierend, denn sie tragen die Folgen ihrer sozialen Herkunft bisweilen ihr Leben lang. So sind arme Kinder sowohl körperlich als auch psychisch anfälliger für Krankheiten als Kinder aus wohlhabenderen Familien. Sie erreichen schlechtere Schulabschlüsse und sind im späteren Leben häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen.

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zu den Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche zeigt, dass beengtes Wohnen sowie wenig Geld für gesundes Essen, Bildung, Hobbys oder Urlaub für rund zwei Millionen Kinder und ihre Familien in Deutschland Realität ist. Je länger Kinder in Armut leben, desto negativer sind die Folgen für ihre Entwicklung und ihre Bildungschancen. Sie haben häufig kein eigenes Zimmer, keinen Rückzugsort für Schularbeiten und essen kaum oder gar kein Obst und Gemüse. Arme Kinder sind häufiger sozial isoliert, gesundheitlich beeinträchtigt und haben einen beschwerlicheren Bildungsweg als Kinder in gesicherten Einkommensverhältnissen.

Kinderzuschlag

Im Jahr 2005 wurde der Kinderzuschlag eingeführt, um Familien mit niedrigen Einkommen zu entlasten. Eltern haben darauf Anspruch, wenn ihr Einkommen zwar für ihren eigenen Bedarf ausreicht, aber nicht für den Unterhalt ihrer Kinder. Der Kinderzuschlag beträgt bis zu 170 Euro pro Kind. Er kann bei der Familienkasse der örtlichen Arbeitsagentur beantragt werden.

Bildungspaket

Seit dem Jahr 2011 gibt es das Bildungspaket. Es unterstützt Bildung und Teilhabe durch Geldleistungen und Sachleistungen. Kinder werden durch Kostenübernahmen unterstützt, wenn ihre Eltern wenig verdienen, Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld erhalten. Zuschüsse werden gezahlt für

  • eintägige Schulausflüge und Kitaausflüge (tatsächliche Kosten),
  • mehrtägige Klassenfahrten und Kitafahrten (tatsächliche Kosten),
  • den persönlichen Schulbedarf (insgesamt 100 Euro jährlich),
  • die Beförderung von Schülerinnen und Schülern zur Schule (tatsächliche Kosten),
  • Lernförderungen (tatsächliche Kosten),
  • die Teilnahme an einer gemeinschaftlichen Mittagsverpflegung in Schule oder Kindertageseinrichtungen (tatsächliche Kosten abzüglich eines Eigenanteils von einem Euro pro Tag) und
  • die Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben in der Gemeinschaft, zum Beispiel im Sportverein oder in der Musikschule (zehn Euro monatlich).
     

Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung

Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung beschreibt und analysiert die soziale Lage der Menschen in Deutschland anhand statistischer Daten. Zudem gibt der Bericht Auskunft über Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Weitere Schwerpunktthemen sind die soziale Mobilität sowie die Einkommens- und Vermögensverteilung.

Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht wurde im April 2017 veröffentlicht. Er zeigt eine insgesamt positive soziale Entwicklung in Deutschland. Das kontinuierliche Wirtschaftswachstum hat zur höchsten Beschäftigtenzahl und niedrigsten Arbeitslosigkeit seit der deutschen Einheit beigetragen. Seit 2005 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um circa sechs Millionen Menschen gestiegen. In diesem Zeitraum hat sich die Zahl der Arbeitslosen etwa halbiert, die Jugendarbeitslosigkeit ist um rund 60 Prozent zurückgegangen. Erstmals seit 1993 ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen unter eine Million gesunken.

Die Entgelte der Arbeitnehmer sind seit 2005 stärker gestiegen als die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen, konnten ihren langjährigen Rückstand im Vergleich zu den Gewinneinkommen aber nicht ganz aufholen. Der Bevölkerungsanteil im mittleren Einkommensbereich ist im Berichtszeitraum stabil geblieben. Der Anteil der Menschen, die wegen eines vergleichsweise niedrigen Einkommens als armutsgefährdet gelten, ist in den vergangenen Jahren etwa gleich geblieben und hat sich zuletzt leicht erhöht.

Der Bildungsstand und die Bildungsbeteiligung der Bevölkerung haben sich in den letzten Jahrzenten kontinuierlich verbessert. Die Studienanfängerquote lag 2015 beispielsweise bei 58 Prozent. Dennoch ist es noch nicht gelungen, den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzulösen. Es besteht weiterhin ein starker Zusammenhang zwischen dem erreichten eigenen und familiären Bildungshintergrund. Der Weg auf das Gymnasium stellt für Kinder aus Elternhäusern mit niedrigerem Bildungsstand zum Beispiel eine deutlich größere Hürde dar als für Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern. Auch nach Ende der Schulpflicht bleibt der familiäre Hintergrund prägend.

Abschließend nennt der Armuts- und Reichtumsbericht vier Aufgaben, um den sozialen Zusammenhalt in Deutschland weiter zu stärken und Leistungsgerechtigkeit sicherzustellen:

  1. Um Armut zu vermeiden, ist eine kontinuierliche Erwerbsbiografie mit leistungsgerechter Entlohnung von zentraler Bedeutung. Langjährig Versicherte sollen von ihren Alterseinkünften angemessen leben können.
  2. Kinder und Jugendliche müssen noch besser individuell und möglichst unabhängig von der Ausgangssituation ihres Elternhauses gefördert werden, um ihre sozialen Teilhabe- und Aufstiegschancen zu verbessern.
  3. Neben einem verlässlichen System der sozialen Sicherung muss auch der Zugang zu weiteren gesellschaftlich notwendigen Gütern und Dienstleistungen sichergestellt sein. Dazu gehören zum Beispiel die medizinische Versorgung und bezahlbarer Wohnraum.
  4. Eine nachhaltige Finanzierung öffentlicher Ausgaben sowie eine leistungsgerechte Besteuerung sorgen für mehr Chancengleichheit und müssen auch künftig sichergestellt werden.
     

Die Kluft zwischen Arm und Reich

Der Fünfte Armut- und Reichtumsbericht untersucht auch die Verteilung von Vermögen und Einkommen in Deutschland. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es eine verfestigte Ungleichheit bei den Vermögen gibt. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens Deutschlands. Die untere Hälfte besitzt nur ein Prozent. Auch im internationalen Vergleich ist die Ungleichheit der Vermögen in Deutschland anhaltend hoch.

Der Bericht zeigt außerdem, dass die Einkommen in Deutschland zu Beginn des letzten Jahrzehnts gleichmäßiger verteilt waren als heute. Der wirtschaftliche Aufschwung erreicht demnach nicht alle. Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 1990er-Jahre. Die Daten zeigen aber auch, dass Ungleichheiten bei der Verteilung der Einkommen durch Steuern und Transfers deutlich abgemildert werden. Zudem stiegen die Nominallöhne der Ungelernten seit Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 um 4,1 Prozent, während sich die Nominallöhne im Durchschnitt um 2,7 Prozent erhöhten.

Aufgabe der Politik ist es, dafür zu sorgen, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter öffnet. Wichtig ist es, Rahmenbedingungen für soziale Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen.

Armut weltweit reduzieren

Armut bleibt weiterhin ein weltweites Problem, obwohl in den meisten Entwicklungsländern die Armut leicht sinkt, die Alphabetisierungsrate zunimmt und die Lebenserwartung steigt. Mit der Entwicklungszusammenarbeit soll den Menschen geholfen werden, sich aus eigener Kraft aus der Armut zu befreien. Die Vereinten Nationen, zu denen auch Deutschland gehört, wollten bis 2015 den Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen halbieren.

Nach Angaben der Weltbank sank in den Entwicklungsregionen der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, von 43 Prozent im Jahr 1990 auf 10,7 Prozent im Jahr 2013. Jedoch ist diese Entwicklung hauptsächlich auf das rasche Wachstum in Ostasien und Südasien, insbesondere in China, Indonesien und Indien, zurückzuführen. Die Hälfte aller Menschen, die extrem arm sind, lebt in Afrika südlich der Sahara. Insgesamt sind dies 389 Millionen Menschen.

Die Weltbank hat darum zwei neue Ziele definiert und arbeitet mit den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen daran, diese zu erreichen: Bis 2030 soll der Anteil der Menschen, die weltweit in absoluter Armut leben, auf drei Prozent reduziert werden. Gleichzeitig soll das Pro-Kopf-Realeinkommen der Ärmsten um 40 Prozent steigen.

Um der weltweiten Armut entgegenzuwirken, engagiert sich auch die Bundesregierung in mehreren Kampagnen und Initiativen:

  • Finanzierung von internationalen entwicklungspolitischen Projekten und Katastrophenhilfe
  • Unterstützung von Initiativen, welche die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen fördern
  • Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft, um zusätzliche privatwirtschaftliche Beiträge für entwicklungspolitische Prozesse und Ziele zu fördern
  • Vermittlung von günstigen Krediten
  • internationale Expertenberatung
  • Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen
     

Für das Haushaltsjahr 2017 hat die Bundesregierung 8,5 Milliarden Euro für die Entwicklungshilfe vorgesehen. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) hatten sich verpflichtet, den Anteil der Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit bis 2015 auf 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens anzuheben. Im Jahr 2016 hat die EU insgesamt 75,5 Milliarden Euro an Entwicklungshilfe geleistet. Dies entspricht 0,51 Prozent des Bruttonationaleinkommens aller EU-Länder zusammengenommen. Damit ist die Europäische Union weltweit der größte Geber von Entwicklungshilfe. Allerdings sind weitere gemeinsame Anstrengungen notwendig, um das gesetzte Ziel von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens zu erreichen.

 

Stand Juni 2017

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