Arbeitslose oder Saisonarbeiter aus Osteuropa?

Sie stechen Spargel, lesen Weintrauben oder werden in der Obsternte eingesetzt. Jedes Jahr zeigt sich auf deutschen Feldern das gleiche Bild: Die Landwirtschaft benötigt Hunderttausende von ausländischen Saisonarbeitern. Nun hat die Große Koalition einen neuen Versuch unternommen, die Zahl der Saisonarbeiter aus Osteuropa zu begrenzen und durch deutsche Langzeitarbeitslose zu ersetzen. Nur noch 80 Prozent der saisonalen Arbeitsgenehmigungen des Jahres 2005 sollen ohne Prüfung erteilt werden. Und: Mehr als 90 Prozent der ausländischen Saisonarbeiter des Vorjahres dürfen die Betriebe künftig nicht mehr beschäftigen. Bei rund 325.000 ausländischen Saisonarbeitern im Jahr 2005 müssten so 32.500 Arbeitsplätze an deutsche Arbeitslosengeld-Empfänger vergeben werden.

Viele Landwirte sind über die neue Regelung empört. „Die Erfahrungen der vergangenen Jahre sprechen eindeutig dagegen“, sagt der Vorsitzende der niedersächsischen Spargelbauer Dietrich Paul (Die Welt, 22. Dezember 2005). Sein Kollege Peter Gheorgean, Geschäftsführer des Regionalverbandes Starkenburg, bezweifelte schon früher, dass man Deutsche finde, die vier bis acht Wochen beim Spargelstechen durchhalten. „Was soll auch ein 55 Jahre alter Langzeitarbeitsloser mit zwei Bandscheibenvorfällen oder jemand, der aus einem Bürojob kommt, auf einem Spargelfeld?“ (FAZ, 8. April 2005) Den Bedenken der Landwirte stehen die Bemühungen der Bundesregierung entgegen, Langzeitarbeitslosen als Gegenleistung zum Arbeitslosengeld II eine zumutbare Beschäftigung zu vermitteln. Die Zumutbarkeitsgrenze von Jobs für Bezieher von Fürsorgeleistungen wurden daher bereits in der Hartz 4-Gesetzgebung ausgeweitet und die Ablehnungsmöglichkeiten eingeschränkt. Denn warum sollen deutsche Arbeitslose nicht dasselbe leisten wie Saisonarbeiter aus Polen, – zumal der Stundenlohn von 5,25 Euro deutlich über dem Lohn für 1-Euro-Jobs liegt?

Umfrage:

Wenn ihr arbeitslos wärt, würdet ihr auch einen Saisonjob in der Landwirtschaft übernehmen?

Ergebnis:

59 % Ja. Als Arbeitsloser würde ich auch Spargel stechen, Gemüse ernten oder Obst pflücken. Immerhin verdiene ich dann mehr als bei einem 1-Euro-Job.
30 % Nein. Wenn ich eine gute Ausbildung habe, möchte ich auch in meinem Beruf arbeiten. Eine Saisonarbeit in der Landwirtschaft wird mich dabei nicht weiterbringen.
11 % Ich würde die Arbeit nur dann machen, wenn es gar nicht anders geht. Sollte es körperlich für mich zu anstrengend sein, kann ich mich ja krankschreiben lassen.

204 Teilnehmer insgesamt.

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