Die Arbeiterbewegung entsteht
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1800 bis 1847: Auslöser der „Arbeiterfrage“ („Soziale Frage“)
Im Zeitalter der Maschinen
Die industrielle Revolution hat zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch Deutschland erreicht und verwandelt das Land bis Ende des Jahrhunderts von einem Bauernstaat in einen Industriestaat. In den Fabriken der Industriezentren entstehen neue Arbeitsplätze. Viele kleine Betriebe werden aber dadurch vernichtet. Vor allem die Handwerker leiden darunter. Ihre Arbeiten erledigen jetzt Maschinen, und den Profit streichen die Industriellen ein.Die Menschen zieht es zunehmend in die Städte oder in deren Nähe, dorthin, wo es Fabriken und Arbeit gibt. Für einen „Hungerlohn“ stehen sie täglich zwölf bis dreizehn Stunden an den Maschinen. Immer die gleichen Handgriffe, ohne Pause. Dunkel, laut und dreckig ist es in den Fabrikhallen. Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung. Einen sozialen Schutz oder gar Arbeitsschutz gibt es nicht. Jeder Arbeitsplatz ist so begehrt, dass sich diejenigen, die einen bekommen, den Gegebenheiten bedingungslos anpassen.
Zunächst finden sich die Arbeiter mit den herrschenden Zuständen ab, womit sie der industriellen Revolution – ungewollt – die eigentliche Schubkraft geben. Ihre elende Situation löst die öffentliche Diskussion um die „Arbeiterfrage“ oder „Soziale Frage“ aus, welche die Sozialpolitik des 19. Jahrhunderts entscheidend prägt.
Leben am Rande des Existenzminimums
Die niedrigen Löhne der Arbeiter reichen kaum zum Überleben. Das zwingt die Familien dazu, auch Frauen und Kinder arbeiten zu schicken, die allerdings meist weniger als die Hälfte des Lohns für Männer bekommen. Für Fehlproduktionen gibt es sogar Lohnabzüge.Im Jahr 1847 fallen die Löhne auf einen Tiefststand und liegen weit unter dem Existenzminimum. Die Familien hausen in kleinen Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnungen. Heizung oder Möbel können sie sich nicht leisten, da das Geld gerade für Brot und Kartoffeln reicht. In den ersten knapp 100 Industriejahren muss eine Familie bis zu 70 Prozent des Lohns für Essen bezahlen.

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Die Arbeiterfrage spitzt sich zu
In den 1830er-Jahren finden erste öffentliche Debatten statt, in denen die miserable Lage der Arbeiter kritisiert wird. Einige Unternehmer, sozial eingestellte Bürger und Intellektuelle fangen an, sich für die Arbeiter einzusetzen. Der Schrei nach einer Lösung der „Arbeiterfrage“ wird lauter; die Forderungen an den Staat zu handeln werden massiver. In den Folgejahren schließen sich Arbeiter, Kirchenvertreter, Intellektuelle und Politiker zu Hilfsvereinen oder Selbsthilfeorganisationen zusammen. Aber besonders die Organisationen der Arbeiter versucht der Staat immer wieder zu verhindern.Die preußische Gewerbeordnung von 1845 legt fest, dass Arbeitsverträge Gegenstand freier Vereinbarungen zwischen Unternehmern und Arbeitern sind. Unternehmervereinigungen sind verboten, ebenso Streiks der Arbeiter.
1848 und die Folgen: Gemeinsam stark
Vorschlag eines Arbeitsministeriums
Im März 1848 fordert die Arbeiterschaft vom preußischen König ein Ministerium für Arbeit, das aber nur von Arbeitgebern und Arbeitern zusammengesetzt werden darf.Ein Ministerium, das sich der „Arbeiterfrage“ annimmt und die Missstände der Arbeitsbedingungen endlich beseitigt, wird auch in der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche im März 1848 gefordert. Der Revolutionär und Abgeordnete Gustav Struve formuliert seine Forderungen so:
„[...] Beseitigung des Notstandes der arbeitenden Klasse und des Mittelstandes, Ausgleichung des Missverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital mittels eines besonderen Arbeitsministeriums, welches die Arbeit schützt und den ‚Anteil an dem Arbeitsgewinn‘ sichert [...]“
Mit der Revolution von 1848 scheitern zunächst alle Forderungen, doch sie nähren die sozialen Bewegungen in der Arbeiterschaft und wirken weiter.
Ideen für eine soziale Gesellschaft
Mit einer sozialen Revolution soll Deutschland von der Fürstenherrschaft befreit werden. Diesen Plan hegt der „Bund der Geächteten“ (1834), eine Organisation der wandernden Handwerker, aus der sich später der „Bund der Gerechten“ (1836) formiert. Ihr Anführer, der Schneider Wilhelm Weitling, fordert die Abschaffung des Eigentums, der Erbschaft, des Geldes, der Strafen, die Einführung von Freiheit und Gleichheit für alle und den gemeinsamen Besitz. Er beruft sich mit seiner Forderung nach sozialer Revolution auf die Lehren Jesu Christi und des Neuen Testaments.Der Philosoph und Mitbegründer des Sozialismus, Moses Hess, analysiert das Konkurrenzprinzip und das Eigentumsdenken der Industriegesellschaft, die seiner Auffassung nach zur Ausbeutung des Menschen und zu immer wiederkehrenden Krisen führen, und fordert die Umgestaltung der Gesellschaft zum „wahren Sozialismus“.
„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
Die Philosophen Karl Marx und Friedrich Engels analysieren in ihrem „Kommunistischen Manifest“ (1848) die Weltgeschichte als Geschichte von Klassenkämpfen. Mit der sozialen Revolution sollen diese endgültig beendet werden. Das Proletariat (auch: Arbeiterklasse), das sich aus der industriellen Revolution entwickelt hat, soll die bürgerliche Klasse besiegen; schließlich soll in der Zukunft eine klassen- und herrschaftslose Gesellschaft entstehen. Marx und Engels gründen am 5. April 1848 in Köln die kommunistische Partei und fordern die Verstaatlichung der Banken, Eisenbahnen, Kanäle, Dampfschiffe und Verkehrswege sowie die Einrichtung von Nationalwerkstätten zur Beschäftigung von Arbeitslosen. Mit ihren Forderungen können sie die bürgerliche Revolution jedoch nicht beeinflussen.
Erste gewerkschaftliche Organisationen entstehen
Auch wenn mit der Revolution von 1848 viele Forderungen nicht umgesetzt werden, gibt sie den Anstoß für gewerkschaftliche Organisationen. Unter den Arbeitern wächst die Bereitschaft, sich zusammenzuschließen und gegen die weiterhin herrschende Unterdrückung zu kämpfen.Im Herbst 1848 beruft der sozialistische Politiker Stephan Born in Berlin einen Arbeiterkongress ein, aus dem die erste überregionale Gewerkschaft, die „Allgemeine deutsche Arbeiterverbrüderung“, hervorgeht. Sie fordert ein allgemeines Wahlrecht, Koalitionsrecht, Genossenschaften für Produktion und Konsum, Arbeitsnachweise, Gesundheitspflegevereine, Kranken- und Sterbekassen.
Mit der Gründung von Arbeitsämtern und der Gewährung des Koalitions- und Streikrechts können die Arbeiter in den Revolutionsjahren kurzfristig einen Teil ihrer Forderungen durchsetzen.
Im Jahr 1854 werden alle Arbeiterverbrüderungen, die sozialistische und kommunistische Zwecke verfolgen, wieder aufgelöst und verboten.
1860er-Jahre: Jetzt erst recht!
Vereine, Verbände und Parteien
Um 1860 entstehen etwa 100 neue Arbeitervereine, in denen weiterhin sozialistische Forderungen laut werden. Im Mai 1863 gründet der Sozialist Ferdinand Lassalle den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ (ADAV). Er fordert ein gleiches und geheimes Wahlrecht und die politische Vertretung der Arbeiter im Parlament. Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck bietet Lassalle zwar das Wahlrecht an, aber nur um die liberale Partei zu spalten.Ende September 1868 schließen sich zwölf „Arbeiterschaften“ auf Initiative des Politikers Johann Baptist von Schweitzer, der nach Lassalles Tod die Präsidentschaft des ADAV inne hat, zum „Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverband“ zusammen. 1869 gründen die Sozialisten Wilhelm Liebknecht und August Bebel die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ (SDAP). Sie fordern massiv die Demokratisierung und parlamentarische Mehrheiten. Arbeiterverein und Arbeiterpartei verschmelzen 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP).
Einen Gewerkverein für Fabrik- und Handarbeiter gründen 1869 die sozialliberalen Politiker Max Hirsch und Franz Duncker mit dem „Hirsch-Duncker'schen Gewerkverein“ in Berlin. Ihr Ziel ist eine Sozialreform, in der die Arbeitgeber und Arbeitnehmer kooperieren. Im Rheinland und in Westfalen entstehen nach 1869 die ersten christlich-sozialen Arbeitervereine.

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Zwei vor, zwei zurück
Dem Staat sind die wachsende Arbeiterbewegung und die dadurch entstehenden Organisationen ein Dorn im Auge. Das vom Reichskanzler des Im Jahr 1871 neu gegründeten Deutschen Reichs, Otto von Bismarck, erarbeitete Sozialistengesetz („Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“) verbietet 1878 schließlich „Vereine, welche durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung bezwecken“. Das Gesetz behindert die Arbeit der Gewerkschaften in den folgenden Jahren stark.Erst im Jahr 1890 wird das Sozialistengesetz wieder aufgehoben. Der erste Gewerkschaftskongress findet im März 1892 in Halberstadt statt. Er wird von Carl Legien, dem späteren Vorsitzenden des ersten gewerkschaftlichen Dachverbandes, eröffnet. Der Kongress spricht sich für berufliche Zentralverbände aus, die sich fortan „Freie Gewerkschaften“ nennen. Im Jahr 1894 werden die ersten christlichen Gewerkschaften gegründet, die sowohl die kapitalistische Geisteshaltung als auch den Sozialismus marxistischer Prägung ablehnen.
1900 und später: Starke Sozialpartner
Der Kampf lohnt
In den Folgejahren führen die Gewerkschaften zahlreiche lange Arbeitskämpfe; jede Errungenschaft bleibt weiterhin mit staatlichem Druck verbunden. Die „Zuchthausvorlage“ der Regierung, die denjenigen mit Zuchthausstrafe droht, die Arbeitswillige zum Streik aufrufen, scheitert aber im Reichstag.Neben der Unterstützung von Streiks gehört zu den wichtigen Aufgaben der Gewerkschaften die Unterstützung der Erwerbslosen (staatliche Hilfe bei Arbeitslosigkeit gibt es erst ab 1918). Nach und nach gelingt es den Gewerkschaften, die Unternehmer für den Abschluss von Tarifverträgen zu gewinnen. Im Jahr 1906 schließt der Metallarbeiterverband seinen ersten Tarifvertrag ab.
Verwirklichung wichtiger Forderungen
Erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 werden die Gewerkschaften auch von den staatlichen Stellen anerkannt: Ihre Hilfe wird nämlich zur Aufrechterhaltung der Kriegswirtschaft gebraucht. Das Hilfsdienstgesetz von 1914 erlaubt den Gewerkschaften erstmals, Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen. Das Gesetz räumt ihnen die Einrichtung von gewählten Arbeiterausschüssen – Vorläufer der heutigen Betriebsräte – in den Betrieben ein.Die Gewerkschaften gewinnen Mitspracherechte und werden Verhandlungspartner in den Betrieben, die heutigen Sozialpartner der Arbeitgebervertreter. Mit dem Kriegsende und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im Jahr 1918 werden wichtige Forderungen der Gewerkschaften verwirklicht, beispielsweise der Acht-Stunden-Tag, die Aufhebung der Gesindeordnungen und die Übernahme der Arbeitslosenunterstützung durch den Staat.

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15. bis 19. Jahrhundert: Reformen und Rebellen
1848 bis 1880: Industrielle Revolution
1871 bis 1889: Reichsgründung und Sozialgesetze
Berufswelt: Arbeitsrecht
Lesetipp
Mitbestimmung – Eine gute Sache (Best.-Nr. A 741)
Bestellung und Download beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter www.bmas.de

