Reformen und Rebellen

15. bis 19. Jahrhundert

Am 27. Mai 1832 versammeln sich rund 30.000 Menschen am Hambacher Schloss bei Neustadt in der Pfalz. Das Bild zeigt ein Gemälde von Johann Weber, um 1840.
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15. Jahrhundert: Almosen fürs Überleben

Bis zum späten Mittelalter sind Familien allein auf sich selbst gestellt. Alte und kranke Menschen sind auf ihre Angehörigen oder auf Almosen angewiesen. Den Ärmsten helfen Kirchen und Klöster, sie gründen Hospitäler für die Kranken und Alten. Hilfsbedürftige Handwerker erhalten von ihren Zünften Unterstützung. Alles in allem reichen die Almosen gerade zum Überleben.

Von der Armut betroffen sind vor allem Bauern und Handwerker, Kranke und Invalide, Witwen und Waisen, unehelich Geborene, Bettler, fahrendes Volk, Verurteilte und Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Schlechte hygienische Verhältnisse, Hungersnot, Infektionskrankheiten, Seuchen wie Pocken, Lepra, Syphilis und die Pest fordern Millionen von Opfern. Die Lebenserwartung liegt bei durchschnittlich 35 Jahren. Ein Mann in den Dreißigern gilt als alt, und ein 50-Jähriger ist bereits ein Greis. Ihr Heil suchen die Menschen in dieser Zeit in Inquisition und Hexenwahn.

Mit der Inquisition ging die Kirche über fünf Jahrhunderte gegen Andersgläubige vor. Die Inquisitoren des Mittelalters wurden vom Papst ernannt. Die so genannten Ketzer wurden verfolgt, verhört, gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Grundlage der Hexenverfolgung war die weit verbreitete Vorstellung einer vom Teufel geleiteten Verschwörung gegen das Christentum, die sich der Hexen und Hexer bediene, um durch Zauberei Schaden und Tod über Mensch und Vieh zu bringen. Rund drei Viertel der Opfer waren Frauen.

16. Jahrhundert: Wohltätigkeit von Kirche, Staat und Stiftungen

Mit seinen 95 Thesen bringt der Theologieprofessor und Augustinermönch Martin Luther, der von 1483 bis 1546 lebte, im 16. Jahrhundert die Reformation ins Rollen. Den damit einhergehenden neuen protestantischen Glauben nehmen viele Fürsten und Städte an. Ihnen empfiehlt Martin Luther, die Klöster aufzulösen und Arme und Schulen aus dem beschlagnahmten Kirchenvermögen zu unterstützen. Er richtet schließlich eine Art Sozialkasse ein, den „gemeynen Kasten“.

Arbeit und Armut bekommen in der Fürsorge einen neuen Stellenwert. Die Reformatoren unterscheiden ab sofort zwischen Arbeitsunfähigen und Arbeitsunwilligen: Diejenigen, die nicht arbeiten können, sollen besser versorgt werden. Diejenigen, die nicht arbeiten wollen, sollen zur Arbeit gezwungen werden. Zur kirchlichen Wohltätigkeit kommen vermehrt Stiftungen von Bürgern hinzu. Diese machen ihre Unterstützung von der Bedürftigkeit und Würde der Armen abhängig.

In der frühen Neuzeit regelt der Staat zunehmend die Armenfürsorge. Almosenämter oder Armenkassen entstehen. Wer Unterstützung haben und behalten will, muss sich regelmäßigen Kontrollen durch Verwaltungsbeamte unterziehen. Es werden Bettelordnungen aufgestellt, um die Bettelei zu regulieren und fremde Bettler fernzuhalten. Die Massenarmut kann damit jedoch nicht reduziert werden.

Der Reformator Martin Luther richtet im 16. Jahrhundert den "gemeynen Kasten" ein – eine Art Sozialkasse. Das Bild zeigt einen Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren (Werkstatt), 1523.
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17. Jahrhundert: hilflose Herrscher, mittelloses Volk

Anfang des 17. Jahrhunderts verschärfen sich die religiösen Gegensätze und führen zum Dreißigjährigen Krieg in den Jahren 1618 bis 1648. Die Kriegsfolgen sind katastrophal. Das Land ist verwüstet, die Städte sind zerstört. Die Bevölkerung ist durch den Krieg, die Hungersnöte und die Seuchen um ein Drittel geschrumpft. Die Folgen der Massenarmut nach dem Krieg sind Bettelei, Wilderei und Bandenkriminalität.

Diesen sozialen Missständen steht die Regierung hilflos gegenüber. Durch den Absolutismus und das merkantilistische Wirtschaftssystem mit seinen staatlichen Manufakturen, den Vorläufern der Fabriken, wird die Situation sogar weiter verschärft. Der Lohn reicht kaum zum Überleben. Das treibt Arbeiter und Handwerker, die gezwungen werden in den Manufakturen zu arbeiten, weiter in die Armut.

Die merkantilistische Wirtschaftspolitik im Zeitalter des Absolutismus (Regierungsform, in der ein König die uneingeschränkte Herrschaftsgewalt ausübt) förderte stark den Außenhandel und die Produktion, um den Reichtum und die Macht des Staates zu vergrößern. In der Ständegesellschaft war der Stand des Individuums von Geburt an festgelegt, zum Beispiel Adliger, Bürger, Bauer oder Standesloser. Sich über seinen Stand zu erheben war nahezu unmöglich; in der Regel blieb jeder auf der sozialen Stufe, auf der auch seine Eltern und Vorfahren gelebt hatten. 1. Stand: Papst, Könige; 2. Stand: Adel, Geistliche; 3. Stand: Bürger, Kaufleute, Ärzte, Handwerker, Soldaten, Bauern, Tagelöhner.

Räuberei ist im 17. und 18. Jahrhundert an der Tagesordnung. Als einer der berühmtesten Räuber geht der Schinderhannes in die Geschichtsbücher ein. Das Bild zeigt Szenen aus dem Leben des Räuberhauptmanns Schinderhannes (1783 bis 1803) in sechs Bildern: 1. Warten auf Beute, 2. Raubüberfall, 3. Schinderhannes und seine Frau, 4. Schinderhannes geht zur Armee, um der Haftstrafe zu entkommen, 5. Schinderhannes wird entlarvt und vor Gericht gebracht, 6. Schinderhannes wird mit der Guillotine hingerichtet. Moritatentafel von Herwig Mayer, 1860.
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18. Jahrhundert: Aufstand für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Im Laufe des 18. Jahrhunderts lehnen sich in Europa immer mehr Menschen aus dem Dritten Stand gegen die staatliche Bevormundung und Unterdrückung auf. Mit dem Schlachtruf „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ werden sie zu den Siegern der Französischen Revolution aus dem Jahr 1789.

Auf der französischen Nationalversammlung werden die Menschenrechte und Bürgerrechte verkündet. Darin heißt es: Alle Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Sie haben das Recht auf Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung. Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet.

Die Ideen der Revolution und die Lehre des schottischen Moralphilosophen Adam Smith, der in den den Jahren 1723 bis 1790 lebte, gewinnen an Bedeutung. Smith war der Überzeugung, dass die freie wirtschaftliche Betätigung des Einzelnen ohne staatliche Bevormundung zum Wohlstand führe. Seine Ideen begründen den wirtschaftlichen und politischen Liberalismus, die herrschende politische Bewegung des 19. Jahrhunderts in Europa.

19. Jahrhundert: Neue Reformen braucht das Land

Ende des 18. Jahrhunderts stößt die merkantilistische Wirtschaftspolitik an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Der Staat kann für die wachsende Bevölkerung nicht mehr ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.

Die militärischen Niederlagen Österreichs und Preußens gegen das von Kaiser Napoleon geführte Frankreich führen schließlich zur Neugliederung Europas. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wird aufgelöst.

In Preußen sollen Reformen zum Wiederaufstieg verhelfen. Im Jahr 1807 hebt der preußische Minister Karl Freiherr vom Stein die Leibeigenschaft der Bauern auf. Im Jahr 1808 ermöglicht eine Städteordnung den Gemeinden die Selbstverwaltung.

Gewerbefreiheit, freier Güterverkehr und die Bauernbefreiung sollen die Voraussetzungen für allgemeinen Wohlstand schaffen. Nach dem Sturz Freiherr vom Steins setzen liberale Beamte sein Werk fort und fördern die Ansiedlung von Manufakturen und Fabriken.

Mit der Bauernbefreiung entfällt der Versorgungszwang durch den Grundherrn. Die Bauern, die das Land als Eigentum erhalten, müssen jedoch die bisherigen Grundherren entschädigen, viele verschulden sich dabei. Kleinbauern, die nicht von den Erträgen ihres Hofes leben können, geben auf und ziehen in die Städte. Dort vergrößern sie die Zahl der Tagelöhner und Handwerker, die durch die Konkurrenz von Manufakturen und Fabriken keine Arbeit haben. Ihnen fehlt jegliche soziale Absicherung.

Volksaufstand Hambacher Fest

In den Freiheitskriegen befreit sich Europa im Jahr 1815 von der Herrschaft Napoleons. Die Einzelstaaten errichten wieder ihre früheren absolutistischen Herrschaftssysteme. Die politischen Bedingungen in den deutschen Staaten sind zwar unterschiedlich und verhindern zunächst eine einheitliche Nationalbewegung, doch der Ruf nach Freiheit, Gleichheit und nationaler Einheit wird in der Bevölkerung immer größer. Im Jahr 1817 fordern Studenten auf der Wartburg die Einheit des Vaterlandes.

Zu einem Höhepunkt der nationalen Bewegung wird im Jahr 1832 das Hambacher Fest mit rund 30.000 Menschen. Vertreten sind hauptsächlich Bürger des Mittelstandes, Handwerker, Studenten und Bauern.

Die von den Studenten gegründeten Burschenschaften gewinnen zwar nicht an politischem Einfluss, sie prägen jedoch das Bewusstsein jener Akademiker, die im Vormärz und in der Revolution im Jahr 1848 die politische Führung des Bürgertums übernehmen. Die von den Uniformen des Lützowschen Freikorps stammenden Farben Schwarz-Rot-Gold werden von der Jenaer Burschenschaft verwendet und bald zum Symbol der nationalen und liberalen Bewegung.

Der Kampf um eine nationale Verfassung schlägt fehl

Die deutsche Revolution von 1848 erfasst nahezu gleichzeitig die rund 40 Staaten des Deutschen Bundes. Die Forderungen des Bürgertums nach nationaler Einheit, einer Garantie der Menschenrechte und der politischen Mitwirkung gipfeln in einem Volksaufstand: eine Revolution mit Barrikadenkämpfen in Berlin, Wien und vielen anderen Städten Europas.

Die Fürsten weichen vor den Forderungen des Volkes zunächst zurück. Am 18. Mai 1848 tritt in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung zusammen, um eine Verfassung für das gesamte Land auszuarbeiten. Allerdings besteht die Nationalversammlung zum größten Teil aus höheren Staatsbeamten und Akademikern. Handwerker und Bauern sind nur zu einem sehr geringen Teil vertreten.

Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. lehnt aber die neue Reichsverfassung ab. Versuche, die neue Verfassung durch Aufstände durchzusetzen, scheitern. Der Weg für Reformen ist vorläufig versperrt.

Bei der Revolution von 1848 errichten die Aufständischen Barrikaden zur Verteidigung gegen das Militär, Holzstich Carl Becker.
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Die Texte und Bilder entstammen dem Arbeitsheft Sozialgeschichte Band I: Vom späten Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg
Stand März 2014

3 Antworten

Kommentare

Echt Spannend!!! :) Gefällt mir!!!

Hallo Horst, leider ist an deinem Kommentar nichts spannend. Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen.

sag mal einer lösung

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