Hintergrund: Soziale Schichten in Deutschland

Der Begriff der sozialen Schichtung stammt aus den Sozialwissenschaften. Eine soziale Schicht ist eine Gruppe von Menschen, die einen ähnlichen sozialen Status besitzen. Grob gesagt gibt es eine Unterschicht, eine Mittelschicht und eine Oberschicht. Oft wird die Mittelschicht noch einmal unterteilt in die untere und die obere Mittelschicht. Das ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass die Mittelschicht sehr groß ist, zum anderen soll die Differenzierung aufzeigen, wie viele Menschen eher arm und wie viele eher wohlhabend sind.

Sorgen um die Mittelschicht

„Meine Arbeit wird kaum gewürdigt“, sagt Karin Darko, 52, Friseurmeisterin, alleinerziehende Mutter zweier Töchter.
„Früher konnten sich Leute wie wir ein Einfamilienhaus leisten, das können Sie heute vergessen“, sagt André Schlotthauer, 39, Führungskraft bei einem Personaldienstleister.
„Wir haben immer gearbeitet, trotzdem machen wir uns Sorgen, dass das Geld im Alter knapp wird“, sagt Ronny Pirlich, 47, IT-Servicemanager.

Diese Zitate konnte man im Magazin Stern lesen. Alle drei Personen gehören zur Mittelschicht. Ihre Aussagen zeigen: Sie machen sich Sorgen. Befragt man Menschen auf der Straße oder im privaten Umfeld, was sie denn von der Mittelschicht in Deutschland wissen, so lautet die Antwort fast immer: Die Mittelschicht schrumpft. Regelmäßig berichten die Medien über Abstiegsängste der Mitte. Doch wie passen die Versechsfachung des Wohlstands und die Verzwanzigfachung der Stundenlöhne in der Industrie in den vergangenen 60 Jahren zum angeblich so schlechten Zustand der Mittelschicht?

Merkmale der sozialen Schicht

Ein Merkmal, an das viele bei der Schichtzugehörigkeit zuerst denken, ist Geld: das Vermögen und vor allem auch das Einkommen. Laut Institut der deutschen Wirtschaft Köln liegt knapp die Hälfte der Menschen (48 Prozent) in der Einkommensmitte. Bei einer Familie mit einem Kind entspricht das einem Haushaltseinkommen zwischen 2.530 und 4.750 Euro im Monat, das sind zwischen 80 und 150 Prozent des mittleren Einkommens. Das mittlere Einkommen einer Familie mit einem Kind liegt bei 3.170 Euro netto pro Monat. Es wird auch Medianeinkommen genannt und bezeichnet das Einkommen in der Mitte, bei dem genauso viele Menschen mit einem höheren Einkommen darüber liegen, wie mit einem niedrigeren Einkommen darunter liegen. Über der Mitte liegt die einkommensstarke Mitte mit 4.750 bis 7.910 Euro netto monatlich und die einkommensreiche Schicht mit mehr als 7.910 Euro im Monat. Der einkommensschwachen Mitte stehen 1.900 bis 2.530 Euro im Monat zur Verfügung, darunter liegt die einkommensarme Schicht mit 1.900 Euro und weniger.

Doch das Einkommen ist längst nicht mehr das einzige Indiz für eine Schichtzugehörigkeit. Ebenso wichtig sind Bildung und Beruf, die den Status mitbegründen. Menschen mit höheren Schul- oder gar Hochschulabschlüssen gehören öfter der Mittel- oder Oberschicht an. Ebenso sind bestimmte Berufe eher in höheren Schichten zu finden: solche mit Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum, zum Beispiel Selbstständige, leitende Angestellte, Wissenschaftler, lehrende Berufe und so weiter. Die Grenzen, so der Mainzer Soziologe Prof. Stefan Hradil im Deutschlandfunk, sind „weitgehend willkürlich und umstritten. Und das spiegelt eigentlich die Tatsache wider, dass in unserer Gesellschaft keine exakt feststellbaren Grenzen mehr zwischen den Schichten existieren“. Denn wohin gehört zum Beispiel der Student, der von BAföG lebt, bei dem somit Einkommen und Bildungsstand auseinanderklaffen? Daher kann das Modell der drei Schichten die Gesellschaft heutzutage weniger gut abbilden als früher.

Soziale Schichtung früher und heute

Ein kurzer Blick zurück: Seit den 1960er Jahren ist die Mittelschicht gewachsen. Deutschland entwickelte sich von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Von den 1960er-Jahren bis in die 1990er-Jahre hinein wurden Schulen und Hochschulen in Deutschland immer weiter ausgebaut. Bis in die 1990er Jahre hinein stieg der Anteil der Menschen mit Abitur und Studium. Hingegen sank der Anteil der Ungelernten und der Arbeiter. Da Bildung und Beruf der Schlüssel zu einem höheren Einkommen waren, verbreiterte sich die Mittelschicht. Seither verläuft die Bildungsexpansion in Deutschland deutlich langsamer.

Doch der Wandel der Arbeitsgesellschaft hatte auch Opfer: Menschen, die eben nicht über die geforderte berufliche Qualifikation verfügten, blieben auf der Strecke. Sie wurden arbeitslos oder fanden schlecht bezahlte Stellen. Heute ist die Mittelschicht immer noch die größte Bevölkerungsgruppe. Laut Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung sind drei Viertel der Deutschen weder arm noch reich: Damit sind jene gemeint, die mehr als 60 Prozent, aber weniger als das Doppelte des mittleren Einkommens verdienen. Siehe dazu auch die Hintergrundinformationen zum Thema Armut und Reichtum.

Ausblick

Unsere Gesellschaft braucht die Mittelschicht, sie nährt mit ihren Steuern und Sozialabgaben das Sozialsystem und deckt die öffentlichen Ausgaben. Dr. Judith Niehues, Ökonomin beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln, analysiert die Entwicklung so:

„Beginnend mit der Wiedervereinigung lässt sie sich grob in drei Phasen einteilen: Bis 1997 stieg der Anteil der Mittelschicht im Zuge des ostdeutschen Aufholprozesses etwas an, danach folgte eine Phase des Schrumpfens, die bis zum Jahr 2005 andauerte – insbesondere bedingt durch die verstärkte globale Arbeitsteilung und den damit einhergehenden zunehmenden Druck auf gering qualifizierte Beschäftigte. Seitdem ist der Anteil der Mittelschicht sehr stabil (…). Seit dem Jahr 2005 (…) hat sich die Größe der Mittelschicht nicht mehr verändert.“

Kritiker sehen das anders. Selbst wenn sich der prozentuale Anteil der Mittelschicht hält, so gibt es innerhalb der Schicht Verschiebungen. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem niedrigen Stand, aber etliche Menschen sind in atypischen Jobs gelandet (zum Beispiel Zeit- oder Leiharbeitsverträge). Zudem ist der Aufstieg im 21. Jahrhundert nicht einfach. Das liegt vor allem an den Bildungschancen. Man spricht von sozialer Vererbung: Das heißt, dass ein Kind aus der unteren sozialen Schicht es schwieriger hat, einen guten Schulabschluss zu machen oder gar eine Hochschule zu besuchen.

Die Gesellschaft akzeptiere, „dass ein Kind aus gefestigten Verhältnissen der oberen Mitte im Elternhaus bessere Kompetenzen entwickeln konnte und dadurch auch bessere Leistungen in der Schule erbringt als ein Kind aus prekären Verhältnissen und relativer Armut“, so Georg Cremer, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Freiburg im Magazin Spiegel.

Hier muss die Politik ansetzen: Bildung ist der Schlüssel für Wohlstand. Und dieser Schlüssel darf nicht bestimmten Schichten vorbehalten sein.


Stand: Oktober 2017

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Kommentare

Es ist traurig, aber in den letzten Jahren wird von Politikern, die nie wirklich gelernt haben, was arbeiten ist, den Mensche, die täglich mit Arbeit ihre Existenz sichern müssen, das Leben immer schwerer gemacht. Abgaben und Steuern wurden in den letzten Jahren so weit erhöht und die künstlich von der EZB geschaffene Inflation haben es geschafft, dass vom Nettolohn nicht mehr viel bleibt. Besonders der Mittelstand, der die meiste Steuerlast trägt, verarmt zusehens. Und die Politik, die tut von ihrem Elfenbeiturm nichts dagegen. Sie haben sich von der Wirklichkeit so weit entfernt, dass sie sich nur um ihr Ego kümmern. Ihr Einkommen ist so hoch, dass sie beispielsweise nicht bemerken, dass 2017 bei 100 € vom Warenkorb nur noch 88 € übrig bleiben. Die Umverteilung geht stark von unten nach oben, dass heißt reiche werden reicher und die unteren Schichten immer ärmer. Danke, EZB und Politiker, eure Einkommen steigen, sind von der Entwicklung nicht betroffen.

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