Frauenarbeit, Frauenfrage, Frauenbewegung

Situation der Frau 1830 bis 1945

Frauen finden vorwiegend als Heimarbeiterinnen oder Fabrikarbeiterinnen in der Textilindustrie oder Tabakindustrie Arbeit. Sie verdienen jedoch nur einen Bruchteil des Lohns der Männer. Das Bild zeigt Frauen bei der Anfertigung von Knallbonbons, 1910.
Foto: AKG-Images

In Haus und Hof

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts müssen Frauen der unteren Schicht, wie die Proletarierinnen, arbeiten. Sie sorgen damit zusätzlich für die Familie. In fremden Haushalten organisieren sie die Arbeit oder führen sie als Köchinnen, Dienstmädchen und Ammen aus. In der Landwirtschaft übernehmen sie als Mägde auch schwere Arbeiten.

Für die meisten reicht das Geld gerade zum Überleben. Frauen, die nicht unter dem Schutz einer Familie oder einer Hausgemeinschaft stehen, vor allem Witwen und Alte, gehören zu den Ärmsten der Gesellschaft. Ihnen helfen höchstens Kirchen und Klöster. Nicht selten zwingt jedoch die Hungersnot Frauen zu Mundraub und kleineren Diebstählen.

Für Mann und Kinder

Bürgerliche Frauen hingegen dürfen nicht arbeiten. Für sie gilt das Rollenmodell des „natürlichen Geschlechtscharakters“. Danach besteht ihre Aufgabe darin, auf den Mann zu warten, der sie heiratet, und danach Ehefrau, Mutter und Erzieherin der Kinder zu sein.

Frauen sind weder mündig noch autonom, sondern der Vormundschaft durch den Ehegatten unterstellt. Hat ein bürgerliches Mädchen das Unglück, keinen Mann zu bekommen, bleibt sie ihr Leben lang ein geduldetes Mitglied der Familie ohne eigene Rechte.

Der Zugang zur öffentlichen Gesellschaft bleibt den Frauen verwehrt. Frau im Haus, Mann in der Öffentlichkeit, ist nicht nur Motto, sondern Gesetz. Die Tatsache, dass Proletarierinnen arbeiten müssen und ihre bürgerlichen Geschlechtsgenossinnen dies nicht dürfen, veranlasst die spätere Frauenbewegung, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aktiv wird, zur Parole „Befreiung durch Beruf“.

Prostitution als Massenphänomen

Mit der Industrialisierung wandelt sich die Lebensbedingungen und die Arbeitswelt der Menschen. Maschinen und Unternehmer bestimmen den Tagesablauf der Arbeiter. In der Hoffnung auf gute und bezahlte Arbeit drängen Männer und Frauen zunehmend in die Städte, um in den Fabriken eine Anstellung zu finden.

Als Heimarbeiterinnen und Fabrikarbeiterinnen in der Textilindustrie oder Tabakindustrie, aber auch in Bergwerken, im Bauhandwerk und als Lastenträgerinnen finden Frauen Arbeit, allerdings sehr schlecht bezahlte. Sie verdienen bei gleicher Leistung maximal ein Drittel des Lohns, den Männer bekommen. Infolgedessen treibt es viele Frauen, die in den Großstädten leben, in die Prostitution, die im 19. Jahrhundert zu einem Massenphänomen wird.

Mädchen vom Land finden oft bei bürgerlichen Familien eine Stellung. Die Dienstmädchen und Ammen müssen vom frühen Morgen bis in die Nacht ohne Feierabend arbeiten. Die Entlohnung ist gering, aber der Lebensunterhalt gesichert, solange dem Mädchen nicht gekündigt wird. Traum und Lebensziel der Mädchen ist es, einen zuverlässigen und treuen Unteroffizier, Handwerker oder Arbeiter zu heiraten.

Frauen organisieren sich

Anfang des 19. Jahrhunderts werden im Zuge der Bürgerbewegungen erste Frauenvereine gegründet. Aus den Organisationen, die sich vor allem der Hilfe für Arme und Kranke verschrieben haben, werden später politische Frauenvereine.

In den Jahren nach dem Hambacher Fest im Jahr 1832 bilden sich die ersten politischen Vereinigungen, siehe auch das Kapitel Reformen und Rebellen. Bemerkenswert viele Mitglieder sind Frauen, sie machen bis zu 40 Prozent aus. Vor allem in religiösen Vereinen setzten sie sich für eine Verbesserung der sozialen und politischen Stellung der Frau ein.

Die Forderungen nach einer neuen Verfassung, einem einheitlichen Bundesstaat und der endgültigen Lösung der Sozialen Frage werden lauter. Auch Frauen protestieren. Einige von ihnen gehen später in die Geschichte der Frauenbewegung ein: unter ihnen ist die Schriftstellerin und Revolutionärin Louise Otto-Peters, die als erste deutsche Frau zur Arbeiterinnenfrage Stellung nimmt.

In einem Artikel, den sie während der deutschen Revolution im Jahr 1848 verfasst, fordert sie die Regierung auf, bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht zu vergessen. Zusammen mit der Schriftstellerin Mathilde Franziska Anneke verlangt sie die Teilnahme der Frauen am öffentlichen Leben und gründet die ersten politischen Frauenzeitschriften in Deutschland.

Viele der Kämpferinnen landen nach dem Scheitern der deutschen Revolution von 1848 und 1849 im Gefängnis oder flüchten ins Exil. Die während der Revolution gegründeten Frauenvereine, denen inzwischen auch sehr viele Arbeiterinnen angehören, werden aufgelöst. Politische Aktivitäten von Frauen werden gesetzlich verboten.

Bildung und Gleichheit für alle

In den 1850er-Jahren erlebt das Deutsche Reich einen wirtschaftlichen Aufschwung, von dem allerdings ausschließlich die Unternehmer profitieren. Für die Arbeiter und Arbeiterinnen ändert sich nichts an den miserablen Arbeitsbedingungen. Es ist Zeit für neue Organisationen, auch für Frauen.

Die Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters ist es, die zusammen mit der Lehrerin Auguste Schmidt im Jahr 1865 den Allgemeinen Deutschen Frauenverein gründet. Bildung, soziales Wirken und Mündigkeit im Staat werden zu den Hauptzielen der Vereinigung. Die Bekämpfung der stark ansteigenden Frauenarmut, die zunehmend auch bürgerliche Frauen trifft, rückt zudem in das Zentrum ihres Wirkens.

Zum ersten Mal entsteht auf deutschem Boden ein Frauenverein, der sich für die Rechte aller Frauen einsetzt. Dagegen setzt sich der ebenfalls im Jahr 1865 gegründete Lette-Verein allein die Förderung der berufstätigen Frauen zum Ziel.

Unverheiratete Frauen fallen den bürgerlichen Familien mehr und mehr zur Last, da ihre hauswirtschaftlichen Leistungen im Vergleich zu den industriell produzierten Waren zu teuer sind. Andererseits benötigt der Arbeitsmarkt mehr Arbeitskräfte.

Da akademische Berufe den Frauen im Kaiserreich in der Regel verschlossen bleiben, drängen sie in den Dienstleistungsbereich und rivalisieren mit den Arbeiterinnen. Daraus entsteht schließlich der Gegensatz zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung.

Proletarierinnen in Bewegung

Ehefrauen und Kinder der Arbeiter müssen in den Fabriken und in Heimarbeit dazuverdienen, um die Existenz der Familie zu sichern. Die Arbeiterfrauen sind die Ersten, welche die Doppelbelastung durch Beruf und Haushalt erleben.

In der Arbeiterbewegung wird die Frauenarbeit unterschiedlich bewertet. Marx und Engels machen im Kommunistischen Manifest den industriellen Kapitalismus für den Zerfall der Arbeiterfamilie verantwortlich. Lassalle und seine Anhänger wollen die Frau auf ihre Rolle als Hausfrau, Mutter und Erzieherin der Kinder beschränken.

Erst August Bebels Buch Die Frau und der Sozialismus  aus dem Jahr 1878 bringt die Wende: Die Arbeiterbewegung begreift die Gleichberechtigung der Frau als eigene Aufgabe. Von Bebels Buch beeinflusst, organisiert die Frauenrechtlerin Clara Zetkin nach dem Jahr 1890 die Frauen in der Sozialdemokratie, obwohl ihnen erst das Vereinsgesetz von 1908 die volle Mitgliedschaft erlaubt.

Zetkin gilt als Begründerin der proletarischen Frauenbewegung. Sie fordert Emanzipation durch den Beruf, Gleichberechtigung mit dem Mann und Frauenstimmrecht. Eine Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung, die parallel entsteht, wird abgelehnt – umgekehrt übrigens ebenso.

Bis zum Jahr 1918 erreicht die bürgerliche und proletarische Frauenbewegung jedoch weder politische noch eheliche Gleichberechtigung.

Nach einem Vorschlag der Frauenrechtlerin Clara Zetkin wird der 8. März offiziell als internationaler Frauentag festgelegt und das erste Mal 1911 gefeiert. Das Bild zeigt ein Plakat zur Frauen-Versammlung am 8. März 1914.
Quelle: AKG-Images

Wahlrecht ja, Freiheit nein

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914, zählt Deutschland drei Vereine, die sich für das Frauenwahlrecht starkmachen. Im Jahr 1917 schließen sich diese zum Deutschen Verband für Frauenstimmrecht zusammen, mit Erfolg: Das Folgejahr 1918 gilt als das Geburtsjahr des Frauenwahlrechts in Deutschland.

Im November 1918, kurz nach Kriegsende und dem Sturz der Monarchie, verabschiedet der Rat der Volksbeauftragten das Gesetz über die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung. Passiv und aktiv wahlberechtigt sind jetzt alle Frauen und Männer ab dem 21. Lebensjahr. Die konkrete Forderung nach der Gleichstellung von Mann und Frau per Gesetz kann sich zwar nicht durchsetzen, doch werden beiden zumindest grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten zugesprochen.

Die erste Wahl, an der Frauen aktiv und passiv teilnehmen, ist die Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919. Fast 90 Prozent der wahlberechtigten Frauen beteiligen sich an den Wahlen.

Das „Geschenk“ der Sozialdemokratie – die Einführung des Wahlrechts – honorieren die Frauen jedoch nicht: Die Mehrheit wählt bürgerliche, konservative Kandidaten in die Nationalversammlung.

Doch immerhin: Fast zehn Prozent der Abgeordneten sind Frauen, so viele sind es erst im Jahr 1983 wieder. Der Anteil weiblicher Abgeordneter in den Reichstagen von 1920 bis 1933 geht auf sieben bis acht Prozent zurück.

Unerwünschte Lückenbüßer

Die Diskriminierung der Frau zeigt inzwischen auch die Verordnung, dass verheiratete Beamtinnen aus dem Staatsdienst – unter Verlust ihrer erworbenen Rechte – entlassen werden können. Im Weltkrieg hatten die Frauen die Arbeitsplätze der zur Front einberufenen Männer übernommen. Nach Kriegsende müssen sie den Rückkehrern weichen.

In der Weimarer Republik entwickelt sich jedoch auch ein neuer Frauenberuf: die Sekretärin. Auch können jetzt mehr Frauen als im Kaiserreich studieren. Juristen, Mediziner und Lehrer empfinden diese Frauen als unwillkommene Konkurrenz. In der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre werden zuerst die Frauen arbeitslos.

Frauen im Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 verbessert sich weder die berufliche Situation der Frauen noch ihre gesellschaftliche Stellung. Im Gegenteil: Die Nationalsozialisten sehen die Rolle der Frau in erster Linie als treusorgende Ehefrau und als Mutter möglichst vieler Kinder. Mit finanziellen Vergünstigungen werden verheiratete Frauen daher ermuntert, ihre Erwerbsarbeit aufzugeben. Ab 1934 können dann auch unverheiratete Beamtinnen leichter entlassen werden. Frauen verdienen meistens weniger als Männer, auch wenn sie den gleichen Beruf ausüben. Zugleich wird ihnen der Zugang zu einem Studium erschwert. 1936 erlässt die Regierung zudem ein Berufsverbot für Richterinnen sowie Staats- und Rechtsanwältinnen. In der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) dürfen Frauen keine Führungspositionen einnehmen, und auch ihr Gesamtanteil in der Partei ist begrenzt. Bereits 1933 werden die bisherigen freien Frauenverbände gleichgeschaltet und im Deutschen Frauenwerk (DFW) unter Zwang zusammengeführt.

Arbeiterinnen für den Krieg

Im Zweiten Weltkrieg kommen Partei und Staat schließlich nicht mehr umhin, mehr Frauen vor allem in der Industrie einzusetzen. Zunächst versuchen die Nationalsozialisten, den Arbeitskräftebedarf vornehmlich mit Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus den besetzten Gebieten sowie Häftlingen aus den Konzentrationslagern zu decken. Ab 1942 werden auch Frauen aus dem deutschen Reichsgebiet zum Arbeitseinsatz verpflichtet, um die Rüstungsproduktion aufrechterhalten zu können. So überwiegen die kriegsbedingten Erfordernisse die weltanschaulichen Bedenken, ohne dass die Rolle der Frau grundsätzlich aufgewertet wird.

 

Quellenhinweis

Für dieses Kapitel wurden neben dem Ausstellungskatalog In die Zukunft gedacht – Bilder und Dokumente zur Deutschen Sozialgeschichte des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, Bonn 2008, auch folgende Quellen herangezogen (Stand November 2009):

Bundeszentrale für politische Bildung:
Frauenbewegung, Dossier
Louise Otto-Peters, Biographie
Lesen unter www.bpb.de

Bundesregierung:
Zur Geschichte des Frauenwahlrechts, Beitrag vom 24. Januar 2009
Lesen unter www.bundesregierung.de

Deutsches Historisches Museum/Lebendiges virtuelles Museum Online:
Die deutsche Frauenbewegung
Lesen unter www.dhm.de/lemo

 

Die Texte und Bilder entstammen dem Arbeitsheft Sozialgeschichte Band I: Vom späten Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg
Stand März 2014

7 Antworten

Kommentare

sehr schlechter eimtrag wo is die FRAUENFRAGE!!!!!

Der Link zur BPB muss heißen http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/

Danke für Ihren Hinweis, den Link haben wir geändert. Freundliche Grüße K. Rieger, Redaktion

Sehr guter Betrag! Hat mir bei meiner Präsentation sehr geholfen.

Da ich aus diesem Text gerne zitieren würde, bräuchte ich den Autor, Erscheinungsjahr, etc.. Wo finde ich diese Informationen?

Guten Tag Sophie, Sie finden die Informationen am Ende des Artikels. Dort ist das Heft verlinkt, aus dem das Kapitel stammt, und dort finden Sie dann alle erforderlichen Angaben im Impressum: Stiftung Jugend und Bildung und Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Sozialgeschichte Band I: Vom späten Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg. Bonn 2014 Freundliche Grüße, K. Rieger, Redaktion "Sozialpolitik"

supertoll gemacht ;-)

Neuen Kommentar schreiben