Deutschland – ein Land der Zu- und Auswanderer

Zu- und Auswanderung

Die Auswandererschiffe sind meist völlig überfüllt. Auf den langen und beschwerlichen Reisen werden viele Auswanderer Opfer von Krankheiten und Seuchen oder sterben an Entkräftung, noch bevor sie die neue Heimat erreichen. Das Bild zeigt eine Menschenmenge an Deck eines Auswandererschiffes, 1905.
Quelle: AKG-Images

Seit Jahrtausenden verlassen Menschen immer wieder ihre Heimat, um ihr Glück im Ausland zu finden. Auch nach Deutschland kommen seit Jahrhunderten Menschen, die sich bessere Bedingungen zum Leben, Arbeit und Schutz versprechen. Umgekehrt verlassen auch viele Deutsche ihre Heimat, und Migranten der zweiten oder dritten Generation ziehen wieder in ihre Ursprungsländer zurück. Auch sie treibt meistens die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Fremde. Dabei sind die Gründe für Zu- und Auswanderung oft ähnlich: Krieg und Gewalt im Heimatland, religiöse und politische Verfolgung, Vertreibung und Unterdrückung von Minderheiten sowie nicht zuletzt Armut, Arbeitslosigkeit und Hunger.

Auswanderung im 19. Jahrhundert

Nordamerika ist ein beliebtes Ziel deutscher Auswanderer seit der Neuzeit. Die Auswanderung von Deutschen nach Übersee hat lange Zeit vor allem soziale Ursachen wie Überbevölkerung und Missernten, wodurch viele Nahrungsmittel teurer werden. Der Hunger vieler Menschen, die sich die Lebensmittel nicht mehr leisten können, nimmt zu. In manchen Gegenden werden Verarmte sogar zur Entlastung der Gemeindekassen mit ein wenig Verpflegungsgeld ausgestattet und nach Amerika verschickt.

Politische Gründe haben dagegen zwei große Auswanderungswellen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die erste Welle setzt nach dem Scheitern der Revolution von 1848 ein. Zahlreiche Anhänger der Revolution müssen vor der Obrigkeit und deren Polizei fliehen oder wollen in einem liberaleren Land leben. Viele suchen deswegen Zuflucht in Nordamerika. Angelockt werden sie häufig von Briefen bereits Ausgewanderter. Schilderungen von Agenten schüren Erwartungen, die sich jedoch häufig als falsch erweisen.

Eine zweite große Auswanderungswelle löst das Inkrafttreten des Sozialistengesetzes im Jahr 1878 aus, mit dem die Sozialdemokratie verboten wird und ihre Mitglieder und Anhänger verfolgt werden. Die Folge: Allein 1881 wandern rund 220.000 Menschen aus Deutschland aus. Das sind fast fünf Prozent der Bevölkerung. Zwischen 1880 und 1908 verlassen insgesamt über zwei Millionen Deutsche ihre Heimat.

Im 19. Jahrhundert bleiben die Vereinigten Staaten von Amerika ein bevorzugtes Ziel vieler Deutscher. Dort lassen sie sich vor allem als Landwirte nieder. Später folgen Handwerker und Gewerbetreibende sowie Arbeiter, die in den großen amerikanischen Industriestädten Lohn und Brot finden. Die Auswanderer sind überwiegend Männer, aber auch Frauen und ganze Familien wagen einen Neuanfang in Amerika. Die Überseereise in überfüllten Auswandererschiffen ist lebensgefährlich, die Unterkunft auf den Schiffen karg und die Verpflegung schlecht.

Aus- und Rückwanderung im frühen 20. Jahrhundert

Ab dem Jahr 1890 ebbt die Auswanderungswelle wieder ab, da das Sozialistengesetz nicht verlängert wird. Durch die Industrialisierung werden nun auch im Deutschen Kaiserreich neue Arbeitsplätze geschaffen. Arbeitsuchende zieht es vom Land in die industriellen Ballungsräume, die vor allem in Mittel- und Westdeutschland entstehen. Diese so genannte Binnenwanderung innerhalb des Deutschen Reichs tritt an die Stelle der Auswanderung. 1909 verlassen nur noch rund 25.000 Menschen Deutschland. Dies entspricht einem Anteil von weniger als 0,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

Inflation und eine hohe Arbeitslosigkeit führen in der Weimarer Republik 1923 noch einmal zu einem kurzen, aber starken Anstieg der Auswanderung. Während der Weltwirtschaftskrise ab 1930 ist jedoch zu beobachten, dass die Zahl der deutschen Heimkehrer aus Nordamerika diejenige der Auswanderer übersteigt. Dies ist auf zwei Gründe zurückzuführen: In den USA herrschen zum einen nun strengere Einwanderungsgesetze. Zum anderen sind viele deutsche Auswanderer in den USA nicht heimisch geworden und haben auch beruflich nicht Fuß fassen können.

Emigration unter der nationalsozialistischen Herrschaft

Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernehmen und Terror und Gewalt verbreiten, verlassen viele Sozialdemokraten, Kommunisten, andere Oppositionelle, Intellektuelle und Künstler Deutschland, um ihrer Unterdrückung und Verfolgung zu entgehen und in Freiheit leben zu können. Man spricht bei dieser Form von Auswanderung auch von politischer Emigration.

Die größte Gruppe der Auswanderer unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bilden die Bürger, die jüdischen Glaubens sind oder jüdische Vorfahren haben. Diejenigen unter ihnen, die den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten rechtzeitig erahnen und ausreichend Geld haben, reisen aus Deutschland aus, solange sie noch können. Hierfür müssen sie nicht nur ein Land finden, das sie aufnehmen will. Sie müssen in Deutschland auch noch eine so genannte Reichsfluchtsteuer zahlen sowie ihren ganzen Besitz aufgeben.

Flucht und Vertreibung als Folgen des Zweiten Weltkrieges

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 erreicht die Zahl der Auswanderer aus der Bundesrepublik Deutschland (BRD) kaum noch eine nennenswerte Größenordnung. Dennoch kommt es in den letzten Monaten des Krieges und in den ersten Nachkriegsjahren in Deutschland zu größeren Bevölkerungsbewegungen. Millionen Menschen fliehen aus den deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße vor der Roten Armee der Sowjetunion, da sie deren Racheakte fürchten. In den Jahren 1945 und 1946 werden deutschstämmige Bevölkerungsgruppen aus Gebieten wie dem Sudetenland, die nun zu Polen und der Tschechoslowakei gehören, vertrieben. Bis zum Mauerbau 1961 verlassen ebenfalls Millionen von Menschen die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) in Richtung BRD. Von einer gezielten Zuwanderung lässt sich allerdings nicht sprechen.

Ab Mitte der 1950er-Jahre kommen Tausende Arbeitskräfte vor allem aus Südeuropa nach Deutschland. Das Bild zeigt den Portugiesen Amando Sá Rodrigues, der als einmillionster Gastarbeiter in der Bundesrepublik ein Moped als Begrüßungsgeschenk erhält, 1964.
Foto: Keystone

Gastarbeiter für das deutsche Wirtschaftswunder

Mitte der 1950er-Jahre erlebt die Wirtschaft der BRD einen Aufschwung, der so stark ist, dass in vielen Industriezweigen Arbeitskräfte fehlen. Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders, das Unternehmen investieren und wachsen lässt. Die Bundesregierung reagiert auf die Bedürfnisse der Wirtschaft und wirbt neue Arbeitskräfte überwiegend aus Südeuropa an. Sie kommen aus Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, der Türkei, Marokko oder Tunesien. Sie werden Gastarbeiter genannt, weil sie ursprünglich nur eine begrenzte Zeit in Deutschland bleiben sollen. Doch ihre Arbeit ist für die Unternehmer wie für die ausländischen Arbeiter so attraktiv, dass viele Gastarbeiter länger als geplant in Deutschland bleiben, sich dauerhaft niederlassen und schließlich ihre Familien nachholen.

Schon 1964 wird der einmillionste Gastarbeiter in der Bundesrepublik begrüßt. Auch eine kleine Wirtschaftskrise 1966/67 stoppt den Zuzug der Arbeitskräfte, die nun auch aus Jugoslawien und der Türkei angeworben werden, nicht dauerhaft. 1973 sind 2,6 Millionen Arbeitskräfte aus dem Ausland in der BRD tätig. Zählt man deren Familienmitglieder hinzu, leben in dieser Zeit etwa vier Millionen ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger in der BRD. Vor allem in den größeren Städten wohnen sie häufig unter sich, haben ihre eigenen Geschäfte, Lokale, Kultureinrichtungen und manchmal nur wenig Kontakt mit der deutschen Bevölkerung. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Ausbildung von Parallelgesellschaften.

Als die Ölkrise 1973 auch die deutsche Wirtschaft erreicht und schwächt, verhängt die Bundesregierung einen Anwerbestopp. Die eigens im Ausland eingerichteten Anwerbebüros werden geschlossen.

Vertragsarbeiter in der DDR

Auch in der DDR fehlen in den 1960er-Jahren viele Arbeiter, was nicht zuletzt auf die massenhafte Abwanderung und Flucht in die BRD bis zu Beginn des Mauerbaus 1961 zurückzuführen ist. Daraufhin wirbt die Regierung der DDR ebenfalls Arbeitskräfte aus dem Ausland an. Sie kommen vor allem aus den „sozialistischen Bruderstaaten“ wie Polen, der CSSR (die heutige Tschechische Republik und die Slowakische Republik), Ungarn, Angola, Vietnam und Kuba. Sie werden überwiegend als Industriearbeiter eingesetzt. Da ihre Arbeitserlaubnis von vornherein vertraglich festgelegt ist, werden sie Vertragsarbeiter genannt. Sie leben zumeist von der einheimischen Bevölkerung getrennt in eigenen Wohnheimen. Staat und Partei haben keine ernsthaften Absichten, sie in die Gesellschaft zu integrieren.

Aussiedler und Asylbewerber

Von Ende der 1980er-Jahre bis Mitte der 1990er-Jahre erlebt die Zuwanderung nach Deutschland einen neuen Boom. Zum einen hält der Familiennachzug der Gastarbeiter, die mittlerweile in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, unvermindert an. Zum anderen kommen nun verstärkt Aussiedler und Spätaussiedler mit deutschen Wurzeln aus den Staaten des bisherigen Ostblocks und der zerfallenden Sowjetunion zurück in die Bundesrepublik.

Gleichzeitig steigt auch die Zahl derjenigen, die aus politischen, wirtschaftlichen oder humanitären Gründen dauerhafte Aufnahme (Asyl) in der BRD beantragen und Schutz vor Verfolgung, Armut und Krieg suchen. Das Grundgesetz garantiert politisch Verfolgten ein Grundrecht auf Asyl. Da aber seit 1993 die so genannte Drittstaatenregelung gilt, die eine Einreise von Asylbewerbern aus sicheren Drittstaaten ausschließt, geht die Zahl der Asylverfahren und anerkannten Asylbewerber stark zurück.

Im Herbst 2015 öffnet die Bundesregierung die Grenzen für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Rund eine Million Flüchtlinge kommen im Jahr 2015 nach Deutschland, die registriert, versorgt und integriert werden müssen. Der Zustrom hält auch 2016 und 2017 – wenn auch vermindert – an.

Freizügigkeit in der Europäischen Union

Innerhalb der Europäischen Union (EU) gilt die so genannte Freizügigkeit. Dies bedeutet, dass jeder EU-Bürger nicht nur das Recht hat, in einen beliebigen Mitgliedstaat der EU zu reisen. Er kann, wenn er dies möchte, auch seinen Wohnsitz dorthin verlegen. Von dieser Möglichkeit können sowohl Deutsche im Ausland als auch EU-Bürger in Deutschland Gebrauch machen. Seit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und der anhaltend hohen Verschuldung vieler EU-Länder, ist Deutschland wieder sehr gefragt. Die Bundesrepublik hat die Krise vergleichweise unbeschadet überstanden und wirbt im Ausland um Fachkräfte, die in bestimmten Branchen fehlen. Aktuell leben, arbeiten und studieren in Deutschland wieder vermehrt junge Menschen aus EU-Ländern wie Spanien, Italien und Portugal, wo eine besonders hohe Jugendarbeitslosigkeit herrscht. Gleichzeitig gibt es in der Bevölkerung Ängste vor einer unkontrollierten Zuwanderung aus wirtschaftlich schwächeren Ländern und Regionen.


Im Jahr 2015 kippt die Stimmung: Millionen von Flüchtlingen vor allem aus Syrien suchen in benachbarten Ländern, aber auch in Ländern der Europäischen Union, Schutz vor Krieg und Terror und stellen sie damit vor große Herausforderungen. Einige europäische Länder, darunter Ungarn und Slowenien, wollen sich abschotten und bauen Grenzzäune. Antieuropäische, nationalpopulistische Strömungen erhalten europaweit großen Zulauf. Auch in Deutschland gewinnt die rechtspopulistische AfD immer mehr Anhänger. In Großbritannien stimmt die Bevölkerung in einer Volksabstimmung am 23. Juni 2016 für den Austritt aus der Europäischen
Union.

Zu- und Abwanderung in Deutschland

Excel-Datei zum Schaubild


Quelle: Statistisches Bundesamt, 2013.

Ist Deutschland ein Einwanderungsland?

Schaut man auf die Statistik, ist die Antwort auf die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist, eindeutig: Mit wenigen Ausnahmen übersteigt seit Bestehen der Bundesrepublik die jährliche Zahl der Zuwanderer stets die der Auswanderer. So sind 2012 über eine Million Menschen zugezogen, während im selben Zeitraum etwa 700.000 Menschen Deutschland verlassen haben.

Dennoch schrumpft die deutsche Bevölkerung aufgrund der geringen Geburtenrate kontinuierlich und wird im Schnitt älter. Dies gefährdet auf Dauer die Sozialversicherungssysteme, da diese auf die Beiträge von Erwerbstätigen angewiesen sind. Da zudem in einigen Branchen, zum Beispiel in Ingenieursberufen sowie im Bereich von Pflege und Gesundheit, bereits Fachkräfte fehlen, fordern Politik und Wirtschaft seit einigen Jahren, die Zuwanderung von gut ausgebildeten Ausländern gezielt zu fördern.

Die Bundesregierung hat im Jahr 2012 eine Fachkräfte-Offensive gestartet. Damit sollen sowohl brachliegende inländische Kompetenzen etwa durch Weiterbildungen mobilisiert werden als auch qualifizierte ausländische Arbeitskräfte gezielt angesprochen werden. Zu den geplanten Maßnahmen zählt zum Beispiel die leichtere und schnellere Anerkennung von Bildungsabschlüssen aus dem Ausland. Außerdem sollen bürokratische Hindernisse abgebaut und die Rahmenbedingungen für den Aufenthalt und die Beschäftigung von Zuwanderern verbessert werden.

Auch die deutsche Wirtschaft ist aufgefordert, ausländische Fachkräfte durch gute Arbeitsbedingungen, eine angemessene Bezahlung, Aufstiegsmöglichkeiten, familienfreundliche Arbeitszeiten sowie Aus- und Weiterbildungschancen anzuwerben.

Die vielen Flüchtlinge, die seit dem Jahr 2015 nach Deutschland kommen, stellen das Land einerseits vor die schwierige Aufgabe, all diese Menschen zu versorgen und in die Gesellschaft zu integrieren. Andererseits besteht die Chance, dass sie in Deutschland bleiben, arbeiten und mit ihren Steuern und Abgaben zum Erhalt der Sozialsysteme beitragen.

 

Die Texte und Bilder entstammen dem Arbeitsheft Sozialgeschichte Band II: 1945 bis heute
Stand Januar 2017

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Kommentare

hi ich bin aus dem sowi unterricht

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