Armenfürsorge, Wohlfahrt und ehrenamtliches Engagement

Wohlfahrtspflege und Ehrenamt

Während der Industrialisierung entstehen in deutschen Städten und Gemeinden immer mehr so genannte Volks- oder Suppenküchen. Dort können sich Familien, die kaum Geld für Lebensmittel besitzen, zum Selbstkostenpreis Suppe abholen. Das Bild zeigt eine Berliner Suppenküche, 1884.
Quelle: Ullstein-Bild

Fürsorge im Zeichen der Industrialisierung

Im 19. Jahrhundert ist die Hilfe für Arme, Kranke und Bedürftige noch keine Aufgabe, die der Staat übernimmt. Doch in vielen deutschen Städten und Gemeinden wird in dieser Zeit damit begonnen, den verarmten Frauen, Kindern und Männern vor Ort zu helfen. Bei ihrer Arbeit sind sie in großem Maße auf die Unterstützung von privaten und kirchlichen Einrichtungen angewiesen. Diese haben sich seit jeher aus dem Gebot der christlichen Nächstenliebe der Fürsorge verschrieben. Die Zahl der hilfsbedürftigen Menschen wächst während der Industrialisierung sowohl in den Städten als auch auf dem Land rasch an. Um deren Lage zu verbessern, entstehen zahlreiche neue kirchliche und private Initiativen zur Wohlfahrtspflege. Diese schließen sich zu Vereinen und Verbänden zusammen.

Die Anfänge der kirchlichen Sozialhilfe

So organisiert der evangelische Pfarrer Theodor Fliedner ab 1836 in Kaiserswerth am Niederrhein Hilfen für Gefangene und Strafentlassene und gründet eine Diakonie für Krankenpflege. Johann Hinrich Wichern, ein evangelischer Theologe, richtet 1833 in der Nähe von Hamburg das Rauhe Haus ein. Dort werden straffällige, verwahrloste oder verwaiste Jugendliche aufgenommen, betreut und auf das Erwachsenenleben vorbereitet. Unter anderem aus dem Rauhen Haus entsteht Mitte des 19. Jahrhunderts der Centralausschuss für die Innere Mission als Hilfswerk verschiedener evangelischer Einrichtungen. Heute trägt es den Namen Diakonie Deutschland und leistet vielfältige Sozial- und Kulturarbeit.

In Elberfeld bei Wuppertal gründet 1846 der Kaplan Adolf Kolping den Gesellenverein, der Handwerkern auf Wanderschaft eine Unterkunft bietet. Noch heute können junge Menschen in den Kolpinghäusern, die es in ganz Deutschland gibt, günstig übernachten. Ende des 19. Jahrhunderts bündelt die katholische Kirche ihre Fürsorge- und Wohlfahrtsaktivitäten im Charitasverband für das katholische Deutschland, der heute Deutscher Caritasverband heißt.

Bürgerliche Armen- und Krankenfürsorge

Die Mildtätigkeit wohlhabender Bürger, die auf der Grundlage jüdischer oder christlicher Moralvorstellungen handeln, hat eine lange Tradition. Angesichts der wachsenden Not unter Arbeiter- und Bauernfamilien entwickeln sich im 19. Jahrhundert neue Hilfsvereine, die häufig von Frauen aus dem Bürgertum getragen werden. Diese sind nicht berufstätig und engagieren sich verstärkt in der Armen- und Krankenpflege. Sie betätigen sich unter anderem in den 1866 gegründeten Vaterländischen Frauenvereinen vom Roten Kreuz, dem Vorläufer des heutigen Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

Ebenfalls in dieser Zeit entstehen in den größeren Städten die ersten Volks- oder Suppenküchen. Hier erhalten Familien, die zu wenig Geld für Lebensmittel oder Feuerholz haben, zum Selbstkostenpreis eine warme Speise, zumeist eine Suppe. Ab 1908 können Frauen, die sich sozial engagieren wollen, spezielle Ausbildungseinrichtungen besuchen. In diesem Jahr gründet Alice Salomon in Berlin die Soziale Frauenschule, die erste Bildungseinrichtung für Sozialarbeit in Deutschland.

Die Lasten des Ersten Weltkrieges

Der Erste Weltkrieg und seine Auswirkungen an der Heimatfront stellen die Städte und Gemeinden, aber auch die kirchlichen und privaten Wohlfahrtseinrichtungen vor neue Herausforderungen: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Armut, Hunger und Kriegsversehrtheit belasten große Teile der deutschen Bevölkerung schon während des Krieges.

Um das bestehende, häufig ungeordnete Nebeneinander von freier und öffentlicher Wohlfahrt zu beenden und den Bedürftigen gezielter helfen zu können, werden städtische Koordinierungsstellen eingerichtet. Suppenküchen, Kleiderkammern, Lazarette, Heime und Kindergärten sowie Wohnungs- und Arbeitsvermittlungen sollen die größte Not lindern. Auch hier engagieren sich erneut viele Frauen. Sie tragen dazu bei, dass die Arbeit der Wohlfahrtsdienste im Deutschen Reich immer mehr Anerkennung findet.

Neue Aufgabenfelder in der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik wächst die Wohlfahrtspflege weiter. Auslöser sind vor allem die unmittelbaren Folgen von Weltkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise auf die soziale Lage der Bevölkerung. Sechs Millionen Kriegsteilnehmer, darunter Versehrte und Invalide, müssen wieder in das zivile Leben integriert werden. Wohnraum ist knapp, und die Arbeitslosigkeit erreicht in den Krisen neue Höchststände. Während sich die junge Republik um die Wiedereingliederung und Arbeitsvermittlung der heimkehrenden Soldaten bemüht, Neuregelungen zur Beseitigung des Wohnungselends erlässt und Gesetze für Kurzarbeiter, Arbeitslose und Langzeiterwerbslose verabschiedet, übernehmen die Kommunen die Gesundheitsfürsorge der Bevölkerung.

Anerkennung und Eigenständigkeit der freien Wohlfahrt

Gleichzeitig wird die Arbeit der freien Wohlfahrtsverbände aufgewertet. 1922 und 1924 werden Fürsorgegesetze erlassen, die erstmals die Zusammenarbeit von freier und öffentlicher Wohlfahrtspflege festlegen. Die freien Wohlfahrtseinrichtungen organisieren sich seitdem verstärkt in reichsweiten Verbänden, die sich wiederum unter Dachorganisationen sammeln. Die bürgerlichen Verbände schließen sich zur Vereinigung der freien privaten gemeinnützigen Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands zusammen, die 1932 in den noch heute existierenden Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband umbenannt wird.

Das Dach der Spitzenverbände bildet seit 1924 die Deutsche Liga der freien Wohlfahrtsverbände. Der Staat erkennt 1926 die Spitzenverbände der freien Wohlfahrt an. Das hat zur Folge, dass diese nun auch staatliche Zuschüsse erhalten, die sie eigenverantwortlich verwalten und verteilen können. Bis heute gilt die Eigenständigkeit der freien Verbände bei gleichzeitiger übergeordneter Verantwortung und Förderungspflicht der öffentlichen Hand als grundlegendes Prinzip der Wohlfahrtspflege.

Gleichschaltung und Zerstörung im Nationalsozialismus

Nach ihrer Machtübernahme organisieren die Nationalsozialisten auch die Wohlfahrtspflege neu: Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) wird zur Parteiorganisation erhoben und die bisherige Deutsche Liga in Reichsarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege unbenannt. Die führende Rolle übernimmt die NSV.

Die sozialdemokratische Arbeiterwohlfahrt (AWO) und die christliche Arbeiterhilfe werden 1933 verboten. Die 1917 gegründete Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, der Dachverband der jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen in Deutschland, verliert den Status eines Spitzenverbandes und wird 1939 von den Nationalsozialisten aufgelöst.

Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband muss im NSV aufgehen. Auch die verbliebenen Verbände verlieren ihre Eigenständigkeit oder werden in ihrer Arbeit so stark eingeschränkt, dass sie an Bedeutung verlieren. Zudem erfolgt die Zuteilung der Gelder vom NSV an die angeschlossenen Wohlfahrtsverbände nach rassistischen Kriterien.

Das Winterhilfswerk

Das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes ist die bekannteste Wohlfahrtseinrichtung im Nationalsozialismus. Es ist dem NSV unterstellt und soll mithilfe von eingeworbenen Sach- und Geldspenden Geringverdiener und Bedürftige unterstützen. Gleichzeitig werden diese privaten Spenden von den Nationalsozialisten dafür genutzt, die staatlichen Ausgaben für Sozialleistungen zu reduzieren. In der Propaganda wird das Winterhilfswerk als Ausdruck und Symbol der von den Nationalsozialisten angestrebten Volksgemeinschaft herausgestellt. In Wirklichkeit erfolgen die Spenden jedoch vielfach unter Druck der Parteiorganisationen oder werden direkt vom Arbeitslohn einbehalten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs engagieren sich private Initiativen für die Versorgung Hilfsbedürftiger. Gerade Frauen bringen in dieser Zeit wertvolle Erfahrungen ein. Oft sind sie es, die das Leben in den Familien nach 1945 organisieren müssen und für Nahrung, Kleidung und Heizmaterial sorgen. Das Bild zeigt Frauen in der Nähstube Eberswalder Straße im Bezirk Prenzlauer Berg beim Nähen von Kinderkleidung für die Aktion "Rettet die Kinder", 1945.
Quelle: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Herbert Hensky

Wiederaufbau Ost und West

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 verbieten die Alliierten alle nationalsozialistischen Organisationen und damit auch den NSV. In den westlichen Besatzungszonen werden die vielfältigen privaten und christlichen Wohlfahrtseinrichtungen der Weimarer Republik schnell wieder zugelassen und bilden eine wichtige Stütze der sozialen Arbeit in der Bundesrepublik Deutschland (BRD).

In der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wird die Wohlfahrtspflege vom Staat und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) kontrolliert und gesteuert. Freie Wohlfahrtsverbände werden nicht erlaubt, freiwilliges ehrenamtliches Engagement wird kaum gefördert. An die Stelle der freien Verbände treten parteinahe Massenorganisationen wie die Volkssolidarität. Mit der Wiedervereinigung 1989/1990 wird das Modell der BRD auf die neuen Bundesländer übertragen.

Das Sozialstaatsprinzip heute

Im Grundgesetz, der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, ist das Prinzip des Sozialstaats niedergeschrieben. Damit hat der Staat die Verantwortung übernommen, in Not geratenen Bürgerinnen und Bürgern zu helfen und benachteiligte Gruppen zu unterstützen, um ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen und gleichzeitig für einen sozialen Ausgleich zu sorgen. Um diese Aufgaben zu erfüllen, arbeitet der Staat eng mit den Wohlfahrtsverbänden zusammen. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit von freier und öffentlicher Wohlfahrt ist im Sozialgesetzbuch Erstes Buch (SGB I), Paragraf 17, geregelt.

Die freien Wohlfahrtsverbände, die in der „Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege“ organisiert sind, zählen in der BRD längst zu den größten Arbeitgebern. Zugleich engagieren sich in ihnen über eine Million Menschen ehrenamtlich und tragen so zur sozialen Stabilität des Landes bei. Die Tätigkeitsfelder sind vielfältig und reichen von der Säuglings- und Altenpflege über Prävention und Versorgung bis hin zur Bildungsförderung und Seelsorge.

Ehrenamt damals und heute

Nicht nur die Wohlfahrtsverbände profitieren bis heute in einem hohen Maß von Menschen, die sich ehrenamtlich einbringen. Auch andere gemeinnützige Einrichtungen wie das in der BRD stark ausgeprägte Vereinswesen leben davon, dass sich ihre Mitglieder freiwillig und unbezahlt an den anfallenden Arbeiten und Aktivitäten beteiligen, Menschen helfen und somit den sozialen Zusammenhalt stützen.

Während bis in die Zeit der Weimarer Republik vor allem Frauen ehrenamtlich tätig waren, sind heute in Deutschland über 23 Millionen Frauen, Männer und Jugendliche bürgerschaftlich engagiert. Dies entspricht mehr als einem Drittel der über 14-Jährigen. Ihre Motive für ein Ehrenamt sind sehr unterschiedlich: Spaß an der Gemeinschaft, Geborgenheit in der Gruppe, eine persönliche Erfüllung darin, anderen helfen zu können, Verantwortungsgefühl für Mensch und Umwelt, eine religiöse oder humanitäre Einstellung zum Leben oder einfach das Bedürfnis, etwas von dem, was man selbst als positiv erfahren hat, seinen Mitmenschen weitergeben zu können.

Förderung des Ehrenamts

In Anerkennung und zur Stärkung des ehrenamtlichen Einsatzes von Millionen Menschen hat die Bundesregierung 2010 die Nationale Engagementstrategie verabschiedet. Ziel dieser Bemühungen ist es unter anderem, die Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Arbeiten weiter zu verbessern und die Abstimmung zwischen öffentlicher Hand, Wirtschaft und freien Einrichtungen zu erleichtern. Für diejenigen, die sich freiwillig engagieren, ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, dass sie im Rahmen ihrer gemeinnützigen Tätigkeiten gesetzlich unfallversichert sind. Dies ist vielen nicht bekannt.

Vielfalt im Ehrenamt

Freiwillige soziale Aktivitäten finden heute in vielen Bereichen statt. Ehrenamtliche unterstützen nach wie vor die klassischen Felder der Wohlfahrt und Fürsorge für kranke, bedürftige, behinderte und benachteiligte Menschen zum Beispiel in Pflegeheimen, Krankenhäusern, Werkstätten, Tafeln oder Einrichtungen der Obdachlosenhilfe.

Darüber hinaus bringen sich Millionen von Menschen neben der Schule oder dem Beruf mit ihren Kompetenzen unentgeltlich in Sport-, Jugend- und Kulturvereinen ein. Sie leisten in ihrer Freizeit Rettungsdienste bei der Freiwilligen Feuerwehr, bereichern die Gemeindearbeit, helfen Kindern bei den Hausaufgaben, übernehmen Lesepatenschaften oder sind für den Tier- und Pflanzenschutz aktiv. Das Ehrenamt kann und soll den Sozialstaat nicht ersetzen, aber ohne es wäre unsere Gesellschaft in jeder Hinsicht ärmer.

 

Die Texte und Bilder entstammen dem Arbeitsheft Sozialgeschichte Band I: Vom späten Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg
Stand März 2014

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