Arbeitswelt im Wandel

Arbeiten 4.0

Arbeitswelt im Wandel: Bildkomposition: Ausschnitt vom Oberkörper eines Mannes, der auf einem Tablet schreibt. Transparent darübergelegt: die Skyline einer Großstadt.
Foto: Shutterstock/everything possible

Digitalisierung und Vernetzung der Arbeitswelt

Wir sind auf dem Weg in die Wissensgesellschaft und in eine digitale Ökonomie. Internetgestützte Dienstleistungen sowie die Digitalisierung und Vernetzung in Fabriken und Büros nehmen zu. Der Begriff Arbeiten 4.0 ist an die aktuell diskutierte vierte industrielle Revolution, die sogenannte Industrie 4.0 angelehnt. Industrie 4.0 bezeichnet die computergestützte hoch automatisierte und vernetzte Produktionsweise. Arbeiten 4.0 umfasst alle Bereiche der Arbeitswelt. Es geht um die Fragen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf Leben und Arbeiten hat und wie dieser Strukturwandel gestaltet werden kann. Mögliche Veränderungen sind zum Beispiel:

  • Weniger qualifizierte Tätigkeiten fallen durch den Einsatz von Computern weg, sodass Qualifizierung und Weiterbildung noch wichtiger werden.
  • Mobile Arbeitsgeräte (Notebook, Tablet, Smartphone), Vernetzung und die universelle Zugänglichkeit von Informationen, zum Beispiel über eine Cloud, machen das Arbeiten von jedem Ort aus und zu jeder Zeit möglich.
  • Über vernetzte Computer könnten Verhalten und Leistungen der Arbeitnehmer theoretisch ständig kontrolliert und aufgezeichnet werden, weshalb der Beschäftigtendatenschutz und die Mitbestimmung von Betriebsräten beim Einsatz neuer Software an Bedeutung gewinnen.
  • Je mehr die Leistungsfähigkeit der digitalen Technik steigt, desto mehr Leistung wird auch von den Arbeitnehmern erwartet. Die Arbeit verdichtet sich, es wird in Schichten rund um die Uhr gearbeitet.
     

Tätigkeiten im Wandel – Beispiel: der Bauingenieur

Ralf R. hat im Jahr 1987 seinen Abschluss als Bauingenieur gemacht und arbeitet seither in diesem Beruf.

Was hat sich in Ihrem Beruf verändert?

Als ich angefangen habe, gab es noch technische Zeichner, die aus meinen handschriftlichen Skizzen technische Zeichnungen erstellt haben. Heute mache ich das am Computer selbst. Die Zeichnungen wurden dann per Post zum Prüfer geschickt. Das dauerte manchmal mehrere Tage, heute geht es per Internet in Sekunden. Heute arbeite ich mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Städten gemeinsam an einem Projekt. Der Austausch läuft über E-Mail, Telefon und den Server der Firma, auf den alle Mitarbeiter Zugriff haben. Meine Arbeit ist inzwischen sehr spezialisiert. Früher habe ich noch selbst auf den Baustellen verhandelt und Berechnungen angestellt. Heute macht das jeweils ein Kollege für mehrere Projekte gleichzeitig.

Empfinden Sie die Digitalisierung als Erleichterung Ihrer Arbeit?

Ja und nein. Einerseits hilft es viel, wenn man sich das Bauwerk in einem 3-D-Modell ansehen kann. Auch nimmt mir der Computer viele Routinearbeiten ab, wie das Erstellen von Stücklisten oder die Ermittlung von Flächen. Dadurch werden nur zwei bis drei Kollegen für ein Projekt gebraucht, mit dem vor dem Computereinsatz sieben bis acht Kollegen beschäftigt waren. Andererseits ist der Arbeits- und Termindruck gewaltig angestiegen. Wir haben zwar flexible Arbeitszeiten, aber es wird genau registriert, wie lange und woran ich arbeitete, wann ich Pause mache und wie lange ich für ein Projekt brauche. Oft sind die Termine so eng, dass ich es kaum schaffe. Auch das viele Sitzen ist anstrengend. Früher habe ich am Zeichenbrett auch einmal gestanden und bin mehr herumgelaufen, um mich mit den Kollegen abzustimmen. Das passiert heute alles per E- Mail.

Haben Sie und Ihre Kollegen dadurch gesundheitliche Probleme?

Ja, die Gefahr besteht natürlich. Aber die Mitarbeitervertretung hat erreicht, dass in der Firma während der Arbeitszeit Betriebssport und Gesundheitschecks angeboten werden. Zudem gibt es eine Reihe Teamsportaktivitäten, die nach Feierabend stattfinden, wie Fußball, Volleyball oder Fahrradtouren.

Wie steht es mit Fort- und Weiterbildung?

In meiner Firma finden ständig Weiterbildungen statt. Die Teilnahme ist Pflicht. Wenn man nicht bereit ist, sich auf neue Techniken und Programme einzustellen, verliert man bald den Anschluss und dann den Arbeitsplatz. Da unsere Firma auch international agiert, werden gute Fremdsprachenkenntnisse immer wichtiger. Hierfür gibt es in der Firma spezielle Englischkurse.

Quelle: eigene Befragung, Berlin, April 2016

Erwerbsfähige Bevölkerung in Deutschland nach Erwerbsstatus 1995 bis 2012

Excel-Datei zum Schaubild

Schaubild: Erwerbsfähige Bevölkerung in Deutschland nach Erwerbsstatus 1995 bis 2012
Quelle: SOEP nach Bertelsmann Stiftung: Flexible Arbeitswelten. Bericht an die Expertenkommission Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland. Gütersloh 2014, Seite 8

Auswirkungen

Der digitale Wandel vollzieht sich auf drei miteinander verbundenen Ebenen:

  1. Neue, immer leistungsfähigere Technologien: Das Arbeiten wird zunehmend vernetzt. Der Informationsaustausch kann prinzipiell von überall und zu jeder Uhrzeit erfolgen. Die Arbeitsprozesse werden von IT-Systemen unterstützt, kontrolliert und teilweise sogar gesteuert. Bestimmte Arbeitsschritte werden dadurch entbehrlich, andere kommen neu hinzu.
  2. Neue Dienstleistungen, Produkte und Geschäftsmodelle: Es entstehen neue Berufsbilder (zum Beispiel Mediengestalter Digital und Print) und digital erzeugte Produkte (zum Beispiel durch 3-D-Drucker). Onlineplattformen schaffen mit ihren Geschäftsmodellen neue zentrale Marktplätze nicht nur für Informationen und Waren, sondern auch für Arbeit und Dienstleistungen, die vorher dezentral angeboten wurden.
  3. Neue Kommunikations-, Konsum- und Arbeitskultur: Die Menschen kommunizieren auf neuen Wegen miteinander (zum Beispiel über soziale Netzwerke) und haben veränderte Konsumvorlieben. Die Digitalisierung erlaubt flexiblere Arbeitsmodelle (zum Beispiel mobiles Arbeiten). Einerseits lassen sich dadurch Familie und Beruf besser vereinbaren, andererseits wird es durch die ständige Erreichbarkeit schwieriger, Arbeit und Freizeit zu trennen.
     

Die sozialen Sicherungssysteme sind für Vollzeitarbeitsverhältnisse konzipiert. Arbeitnehmer in sogenannten atypischen Arbeitsverhältnissen (Soloselbstständigkeit, Zeitarbeit, Leiharbeit) sind schlechter abgesichert. Bildung und Qualifizierung sollten an die neue Arbeitswelt angepasst werden, aber auch Geringqualifizierte müssen teilhaben können. Die Bundesregierung hat daher den Dialog Arbeiten 4.0 initiiert. Darin diskutieren Experten aus Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, Kirche, Sozialverbänden, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussehen kann und soll.

Der Arbeitnehmer von morgen

  • ist höher qualifiziert und übt anspruchsvollere Tätigkeiten aus, da viele einfache Arbeiten von Maschinen ausgeführt werden.
  • verbindet Familien- und Berufsleben durch flexiblere Arbeitsmöglichkeiten.
  • ist über Smartphone und Internet erreichbar und kann im Home-Office oder mit dem Notebook unterwegs arbeiten.
  • arbeitet vernetzt mit internationalen Unternehmen in unterschiedlichen Projekten.
  • braucht zunehmend soziale und interkulturelle Kompetenzen.
  • muss sich auf immer wieder wechselnde Arbeits- und Lebensumstände einstellen.
  • muss sich häufiger weiterbilden.
  • ist ohne qualifizierten Schulabschluss und Ausbildung häufiger arbeitslos.
     

Quelle: eigene Darstellung

 

Die Texte und Bilder entstammen dem Schülermagazin Sozialpolitik
Stand Juli 2016

0 Antworten

Neuen Kommentar schreiben